Page - 693 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Haben nun Wünsche aus diesen verschiedenen Quellen den gleichen Wert für den Traum, die
gleiche Macht, einen Traum anzuregen?
Eine Überschau über die Träume, die uns für die Beantwortung dieser Frage zu Gebote stehen,
mahnt uns zunächst, als vierte Quelle des Traumwunsches hinzuzufügen die aktuellen, bei Nacht
sich erhebenden Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, das sexuelle Bedürfnis). Sodann wird
uns wahrscheinlich, daß die Herkunft des Traumwunsches an seiner Fähigkeit, einen Traum
anzuregen, nichts ändert. Ich erinnere an den Traum der Kleinen, welcher die bei Tage
unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an die nebenstehenden Kinderträume; sie werden durch
einen unerfüllten, aber nicht unterdrückten Wunsch vom Tage erklärt. Beispiele dafür, daß ein
bei Tage unterdrückter Wunsch sich im Traume Luft macht, sind überaus reichlich
nachzuweisen; ein einfachstes solcher Art könnte ich hier nachtragen. Eine etwas spottlustige
Dame, deren jüngere Freundin sich verlobt hat, beantwortet tagsüber die Anfragen der
Bekannten, ob sie den Bräutigam kenne und was sie von ihm halte, mit uneingeschränkten
Lobsprüchen, bei denen sie ihrem Urteil Schweigen auferlegt, denn sie hätte gern die Wahrheit
gesagt: Er ist ein Dutzendmensch. Nachts träumt sie, daß dieselbe Frage an sie gerichtet wird,
und antwortet mit der Formel: Bei Nachbestellungen genügt die Angabe der Nummer. Endlich,
daß in allen Träumen, die der Entstellung unterlegen sind, der Wunsch aus dem Unbewußten
stammt und bei Tag nicht vernehmbar werden konnte, haben wir als das Ergebnis zahlreicher
Analysen erfahren. So scheinen zunächst alle Wünsche für die Traumbildung von gleichem Wert
und gleicher Macht.
Ich kann hier nicht beweisen, daß es sich doch eigentlich anders verhält, aber ich neige sehr zur
Annahme einer strengeren Bedingtheit des Traumwunsches. Die Kinderträume lassen ja keinen
Zweifel darüber, daß ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traumerreger sein kann. Aber es ist
nicht zu vergessen, das ist dann der Wunsch eines Kindes, eine Wunschregung von der dem
Infantilen eigenen Stärke. Es ist mir durchaus zweifelhaft, ob ein am Tage nicht erfüllter Wunsch
bei einem Erwachsenen genügt, um einen Traum zu schaffen. Es scheint mir vielmehr, daß wir
mit der fortschreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch die denkende Tätigkeit auf die
Bildung oder Erhaltung so intensiver Wünsche, wie das Kind sie kennt, als unnütz immer mehr
verzichten. Es mögen sich dabei ja individuelle Verschiedenheiten geltend machen, der eine den
infantilen Typus der seelischen Vorgänge länger bewahren als ein anderer, wie ja solche
Unterschiede auch für die Abschwächung des ursprünglich deutlich visuellen Vorstellens
bestehen. Aber im allgemeinen, glaube ich, wird beim Erwachsenen der unerfüllt vom Tage
übriggebliebene Wunsch nicht genügen, einen Traum zu schaffen. Ich gebe gerne zu, daß die aus
dem Bewußten stammende Wunschregung einen Beitrag zur Anregung des Traumes liefern wird,
aber wahrscheinlich auch nicht mehr. Der Traum entstünde nicht, wenn der vorbewußte Wunsch
sich nicht eine Verstärkung von anderswoher zu holen wüßte.
Aus dem Unbewußten nämlich. Ich stelle mir vor, daß der bewußte Wunsch nur dann zum
Traumerreger wird, wenn es ihm gelingt, einen gleichlautenden unbewußten zu wecken, durch
den er sich verstärkt. Diese unbewußten Wünsche betrachte ich, nach den Andeutungen aus der
Psychoanalyse der Neurosen, als immer rege, jederzeit bereit, sich Ausdruck zu verschaffen,
wenn sich ihnen Gelegenheit bietet, sich mit einer Regung aus dem Bewußten zu alliieren, ihre
große Intensität auf deren geringere zu übertragen[219]. Es muß dann zum Anschein kommen, als
hätte allein der bewußte Wunsch sich im Traume realisiert; allein eine kleine Auffälligkeit in der
Gestaltung dieses Traums wird uns ein Fingerzeig werden, dem mächtigen Helfer aus dem
Unbewußten auf die Spur zu kommen. Diese immer regen, sozusagen unsterblichen Wünsche
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin