Page - 700 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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auf Grund unserer Gedankenreihe selbst jene extremen Fälle aufklären, in denen der Traum als
Fortsetzer der Tagesarbeit eine ungelöste Aufgabe des Wachens zum glücklichen Ende bringt. Es
mangelt uns nur an einem Beispiel solcher Art, um durch dessen Analyse die infantile oder
verdrängte Wunschquelle aufzudecken, deren Heranziehung die Bemühung der vorbewußten
Tätigkeit so erfolgreich verstärkt hat. Wir sind aber um keinen Schritt der Lösung des Rätsels
näher gekommen, warum das Unbewußte im Schlafe nichts anderes bieten kann als die Triebkraft
zu einer Wunscherfüllung? Die Beantwortung dieser Frage muß ein Licht auf die psychische
Natur des Wünschens werfen; sie soll an der Hand des Schemas vom psychischen Apparat
gegeben werden.
Wir zweifeln nicht daran, daß auch dieser Apparat seine heutige Vollkommenheit erst über den
Weg einer langen Entwicklung erreicht hat. Versuchen wir es, ihn in eine frühere Stufe seiner
Leistungsfähigkeit zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende Annahmen sagen uns, daß der
Apparat zunächst dem Bestreben folgte, sich möglichst reizlos zu erhalten, und darum in seinem
ersten Aufbau das Schema des Reflexapparats annahm, das ihm gestattete, eine von außen an ihn
anlangende sensible Erregung alsbald auf motorischem Wege abzuführen. Aber die Not des
Lebens stört diese einfache Funktion; ihr verdankt der Apparat auch den Anstoß zur weiteren
Ausbildung. In der Form der großen Körperbedürfnisse tritt die Not des Lebens zuerst an ihn
heran. Die durch das innere Bedürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluß in die Motilität
suchen, die man als »Innere Veränderung« oder als »Ausdruck der Gemütsbewegung«
bezeichnen kann. Das hungrige Kind wird hilflos schreien oder zappeln. Die Situation bleibt aber
unverändert, denn die vom inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht einer
momentan stoßenden, sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine Wendung kann erst
eintreten, wenn auf irgendeinem Wege, beim Kinde durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung
des Befriedigungserlebnisses gemacht wird, das den inneren Reiz aufhebt. Ein wesentlicher
Bestandteil dieses Erlebnisses ist das Erscheinen einer gewissen Wahrnehmung (der Nahrung im
Beispiel), deren Erinnerungsbild von jetzt an mit der Gedächtnisspur der Bedürfniserregung
assoziiert bleibt. Sobald dies Bedürfnis ein nächstesmal auftritt, wird sich, dank der hergestellten
Verknüpfung, eine psychische Regung ergeben, welche das Erinnerungsbild jener Wahrnehmung
wieder besetzen und die Wahrnehmung selbst wieder hervorrufen, also eigentlich die Situation
der ersten Befriedigung wiederherstellen will. Eine solche Regung ist das, was wir einen Wunsch
heißen; das Wiedererscheinen der Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung, und die volle
Besetzung der Wahrnehmung von der Bedürfniserregung her der kürzeste Weg zur
Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustand des psychischen Apparats
anzunehmen, in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen also in ein
Halluzinieren ausläuft. Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine
Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der
Befriedigung des Bedürfnisses verknüpft ist.
Eine bittere Lebenserfahrung muß diese primitive Denktätigkeit zu einer zweckmäßigeren,
sekundären modifiziert haben. Die Herstellung der Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen
regredienten Wege im Innern des Apparats hat an anderer Stelle nicht die Folge, welche mit der
Besetzung derselben Wahrnehmung von außen her verbunden ist. Die Befriedigung tritt nicht ein,
das Bedürfnis dauert fort. Um die innere Besetzung der äußeren gleichwertig zu machen, müßte
dieselbe fortwährend aufrechterhalten werden, wie es in den halluzinatorischen Psychosen und in
den Hungerphantasien auch wirklich geschieht, die ihre psychische Leistung in der Festhaltung
des gewünschten Objekts erschöpfen. Um eine zweckmäßigere Verwendung der psychischen
Kraft zu erreichen, wird es notwendig, die volle Regression aufzuhalten, so daß sie nicht über das
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin