Page - 701 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Erinnerungsbild hinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann, die schließlich zur
Herstellung der gewünschten Identität von der Außenwelt her führen[222]. Diese Hemmung sowie
die darauf folgende Ablenkung der Erregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems, welches
die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung sich erst die Verwendung der
Motilität zu vorher erinnerten Zwecken anschließt. All die komplizierte Denktätigkeit aber,
welche sich vom Erinnerungsbild bis zur Herstellung der Wahrnehmungsidentität durch die
Außenwelt fortspinnt, stellt doch nur einen durch die Erfahrung notwendig gewordenen Umweg
zur Wunscherfüllung dar[223]. Das Denken ist doch nichts anderes als der Ersatz des
halluzinatorischen Wunsches, und wenn der Traum eine Wunscherfüllung ist, so wird das eben
selbstverständlich, da nichts anderes als ein Wunsch unseren seelischen Apparat zur Arbeit
anzutreiben vermag. Der Traum, der seine Wünsche auf kurzem regredienten Wege erfüllt, hat
uns hiemit nur eine Probe der primären, als unzweckmäßig verlassenen Arbeitsweise des
psychischen Apparats aufbewahrt. In das Nachtleben scheint verbannt, was einst im Wachen
herrschte, als das psychische Leben noch jung und untüchtig war, etwa wie wir in der
Kinderstube die abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen Menschheit, Pfeil und Bogen,
wiederfinden. Das Träumen ist ein Stück des überwundenen Kinderseelenlebens. In den
Psychosen werden diese sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen des psychischen
Apparats sich wiederum Geltung erzwingen und dann ihre Unfähigkeit zur Befriedigung unserer
Bedürfnisse gegen die Außenwelt an den Tag legen[224].
Die unbewußten Wunschregungen streben offenbar auch bei Tag sich geltend zu machen, und die
Tatsache der Übertragung sowie die Psychosen belehren uns, daß sie auf dem Wege durch das
System des Vorbewußten zum Bewußtsein und zur Beherrschung der Motilität durchdringen
möchten. In der Zensur zwischen Ubw und Vbw, deren Annahme uns der Traum geradezu
aufnötigt, haben wir also den Wächter unserer geistigen Gesundheit zu erkennen und zu ehren. Ist
es nun nicht eine Unvorsichtigkeit des Wächters, daß er zur Nachtzeit seine Tätigkeit verringert,
die unterdrückten Regungen des Ubw zum Ausdrucke kommen läßt, die halluzinatorische
Regression wieder ermöglicht? Ich denke nicht, denn wenn sich der kritische Wächter zur Ruhe
begibt – wir haben die Beweise dafür, daß er doch nicht tief schlummert –, so schließt er auch das
Tor zur Motilität. Welche Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw sich auch auf dem
Schauplatz tummeln mögen, man kann sie gewähren lassen, sie bleiben harmlos, weil sie nicht
imstande sind, den motorischen Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die Außenwelt
verändernd beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantiert die Sicherheit der zu bewachenden
Festung. Minder harmlos gestaltet es sich, wenn die Kräfteverschiebung nicht durch den
nächtlichen Nachlaß im Kräfteaufwand der kritischen Zensur, sondern durch pathologische
Schwächung derselben oder durch pathologische Verstärkung der unbewußten Erregungen
hergestellt wird, solange das Vorbewußte besetzt und die Tore zur Motilität offen sind. Dann
wird der Wächter überwältigt, die unbewußten Erregungen unterwerfen sich das Vbw,
beherrschen von ihm aus unser Reden und Handeln oder erzwingen sich die halluzinatorische
Regression und lenken den nicht für sie bestimmten Apparat vermöge der Anziehung, welche die
Wahrnehmungen auf die Verteilung unserer psychischen Energie ausüben. Diesen Zustand
heißen wir Psychose.
Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psychologischen Gerüste weiterzubauen, das
wir mit der Einfügung der beiden Systeme Ubw und Vbw verlassen haben. Wir haben aber noch
Motive genug, bei der Würdigung des Wunsches als einziger psychischer Triebkraft für den
Traum zu verweilen. Wir haben die Aufklärung entgegengenommen, daß der Traum darum
jedesmal eine Wunscherfüllung ist, weil er eine Leistung des Systems Ubw ist, welches kein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin