Page - 703 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zurückgezogen hat und diesen Wunsch durch Herstellung der ihm möglichen
Besetzungsänderungen innerhalb des psychischen Apparats realisiert, endlich ihn die ganze
Dauer des Schlafes über festhält[227].
Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewußten zu schlafen, wirkt nun ganz allgemein
erleichternd auf die Traumbildung. Denken wir an den Traum des Vaters, den der Lichtschein aus
dem Totenzimmer zur Folgerung anregt, die Leiche könne in Brand geraten sein. Wir haben als
die eine der psychischen Kräfte, die den Ausschlag dafür geben, daß der Vater im Traume diesen
Schluß zieht, anstatt sich durch den Lichtschein wecken zu lassen, den Wunsch aufgewiesen, der
das Leben des im Traume vorgestellten Kindes um den einen Moment verlängert. Andere aus
dem Verdrängten stammende Wünsche entgehen uns wahrscheinlich, weil wir die Analyse dieses
Traumes nicht machen können. Aber als zweite Triebkraft dieses Traumes dürfen wir das
Schlafbedürfnis des Vaters hinzunehmen; so wie durch den Traum das Leben des Kindes, so wird
auch der Schlaf des Vaters um einen Moment verlängert. Den Traum gewähren lassen, heißt
diese Motivierung, sonst muß ich erwachen. Wie bei diesem Traume, so leiht auch bei allen
anderen der Schlafwunsch dem unbewußten Wunsch seine Unterstützung. Wir haben auf
S. 142 ff. von Träumen berichtet, die sich offenkundig als Bequemlichkeitsträume geben.
Eigentlich haben alle Träume Anspruch auf diese Bezeichnung. Bei den Weckträumen, die den
äußeren Sinnesreiz so verarbeiten, daß er mit der Fortsetzung des Schlafens verträglich wird, ihn
in einen Traum verweben, um ihm die Ansprüche zu entreißen, die er als Mahnung an die
Außenwelt erheben könnte, ist die Wirksamkeit des Wunsches weiterzuschlafen, am leichtesten
zu erkennen. Derselbe muß aber ebenso seinen Anteil an der Gestattung aller anderen Träume
haben, die nur von innen her als Wecker am Schlafzustand rütteln können. Was das Vbw in
manchen Fällen dem Bewußtsein mitteilt, wenn der Traum es zu arg treibt: Aber laß doch und
schlaf weiter, es ist ja nur ein Traum, das beschreibt, auch ohne daß es laut wird, ganz allgemein
das Verhalten unserer herrschenden Seelentätigkeit gegen das Träumen. Ich muß die Folgerung
ziehen, daß wir den ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen, daß wir träumen, wie wir
es wissen, daß wir schlafen. Es ist durchaus notwendig, den Einwand dagegen geringzuschätzen,
daß unser Bewußtsein auf das eine Wissen nie gelenkt wird, auf das andere nur bei bestimmtem
Anlaß, wenn sich die Zensur wie überrumpelt fühlt. Dagegen gibt es Personen, bei denen die
nächtliche Festhaltung des Wissens, daß sie schlafen und träumen, ganz offenkundig wird und
denen also eine bewußte Fähigkeit, das Traumleben zu lenken, eigen scheint. Ein solcher
Träumer ist z. B. mit der Wendung, die ein Traum nimmt, unzufrieden, er bricht ihn, ohne
aufzuwachen, ab und beginnt ihn von neuem, um ihn anders fortzusetzen, ganz wie ein populärer
Schriftsteller auf Verlangen seinem Schauspiel einen glücklicheren Ausgang gibt. Oder er denkt
sich ein anderes Mal im Schlafe, wenn ihn der Traum in eine sexuell erregende Situation versetzt
hat: »Das will ich nicht weiterträumen, um mich in einer Pollution zu erschöpfen, sondern hebe
es mir lieber für eine reale Situation auf.«
Der Marquis d’Hervey (Vaschide, 1911, 139) behauptete, eine solche Macht über seine Träume
gewonnen zu haben, daß er ihren Ablauf nach Belieben beschleunigen und ihnen eine ihm
beliebige Richtung geben konnte. Es scheint, daß bei ihm der Wunsch zu schlafen einem anderen
vorbewußten Wunsch Raum gegönnt hatte, dem, seine Träume zu beobachten und sich an ihnen
zu ergötzen. Mit einem solchen Wunschvorsatz ist der Schlaf ebensowohl verträglich wie mit
einem Vorbehalt als Bedingung des Erwachens (Ammenschlaf). Es ist auch bekannt, daß das
Interesse am Traum bei allen Menschen die Anzahl der nach dem Erwachen erinnerten Träume
erheblich steigert.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin