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Das Wecken durch den Traum
Die Funktion des Traumes
Der Angsttraum
Seitdem wir wissen, daß das Vorbewußte über die Nacht auf den Wunsch zu schlafen eingestellt
ist, können wir den Traumvorgang mit Verständnis weiterverfolgen. Wir fassen aber zunächst
unsere bisherige Kenntnis desselben zusammen. Es seien also von der Wacharbeit Tagesreste
übriggeblieben, denen sich die Energiebesetzung nicht völlig entziehen ließ. Oder es sei durch die
Wacharbeit tagsüber einer der unbewußten Wünsche rege geworden, oder es treffe beides
zusammen; wir haben die hier mögliche Mannigfaltigkeit bereits erörtert. Schon im Laufe des
Tages oder erst mit Herstellung des Schlafzustands hat der unbewußte Wunsch sich den Weg zu
den Tagesresten gebahnt, seine Übertragung auf sie bewerkstelligt. Es entsteht nun ein auf das
rezente Material übertragener Wunsch, oder der unterdrückte rezente Wunsch hat sich durch
Verstärkung aus dem Unbewußten neu belebt. Er möchte nun auf dem normalen Wege der
Gedankenvorgänge durch das Vbw, dem er mit einem Bestandteil ja angehört, zum Bewußtsein
vordringen. Aber er stößt auf die Zensur, die noch besteht und deren Einfluß er jetzt unterliegt.
Hier nimmt er die Entstellung an, die schon durch die Übertragung auf das Rezente angebahnt
war. Bis jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas Ähnliches zu werden wie eine Zwangsvorstellung,
eine Wahnidee u. dgl., nämlich ein durch Übertragung verstärkter, durch Zensur im Ausdruck
entstellter Gedanke. Nun aber gestattet der Schlafzustand des Vorbewußten nicht das weitere
Vordringen; wahrscheinlich hat sich das System durch Herabsetzung seiner Erregungen gegen
das Eindringen geschützt. Der Traumvorgang schlägt also den Weg der Regression ein, der
gerade durch die Eigentümlichkeit des Schlafzustandes eröffnet ist, und folgt dabei der
Anziehung, welche Erinnerungsgruppen auf ihn ausüben, die zum Teil selbst nur als visuelle
Besetzungen, nicht als Übersetzung in die Zeichen der späteren Systeme vorhanden sind. Auf
dem Wege zur Regression erwirbt er Darstellbarkeit. Von der Kompression werden wir später
handeln. Er hat jetzt das zweite Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes zurückgelegt. Das
erste Stück spann sich progredient von den unbewußten Szenen oder Phantasien zum
Vorbewußten; das zweite Stück strebt von der Zensurgrenze an wieder zu den Wahrnehmungen
hin. Wenn der Traumvorgang aber Wahrnehmungsinhalt geworden ist, so hat er das ihm durch
Zensur und Schlafzustand im Vbw gesetzte Hindernis gleichsam umgangen. Es gelingt ihm,
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und vom Bewußtsein bemerkt zu werden. Das Bewußtsein
nämlich, das uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer Qualitäten bedeutet, ist im
Wachen von zwei Stellen her erregbar. Von der Peripherie des ganzen Apparats, dem
Wahrnehmungssystem, in erster Linie; außerdem von den Lust- und Unlusterregungen, die sich
als fast einzige psychische Qualität bei den Energieumsetzungen im Innern des Apparats ergeben.
Alle Vorgänge in den ψ-Systemen sonst, auch die im Vbw, entbehren jeder psychischen Qualität
und sind darum kein Objekt des Bewußtseins, insofern sie ihm nicht Lust oder Unlust zur
Wahrnehmung liefern. Wir werden uns zur Annahme entschließen müssen, daß diese Lust- und
Unlustentbindungen automatisch den Ablauf der Besetzungsvorgänge regulieren. Es hat sich aber
später die Notwendigkeit herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen den
Vorstellungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten. Zu diesem Zwecke
bedurfte das Vbw-System eigener Qualitäten, die das Bewußtsein anziehen könnten, und erhielt
sie höchst wahrscheinlich durch die Verknüpfung der vorbewußten Vorgänge mit dem nicht
qualitätslosen Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qualitäten dieses Systems wird
jetzt das Bewußtsein, das vorher nur Sinnesorgan für die Wahrnehmungen war, auch zum
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin