Page - 706 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Sinnesorgan für einen Teil unserer Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei
Sinnesoberflächen, die eine dem Wahrnehmen, die andere den vorbewußten Denkvorgängen
zugewendet.
Ich muß annehmen, daß die dem Vbw zugewendete Sinnesfläche des Bewußtseins durch den
Schlafzustand weit unerregbarer gemacht wird als die gegen die W-Systeme gerichtete. Das
Aufgeben des Interesses für die nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch zweckmäßig. Es soll im
Denken nichts vorfallen; das Vbw verlangt zu schlafen. Ist der Traum aber einmal Wahrnehmung
geworden, so vermag er durch die jetzt gewonnenen Qualitäten das Bewußtsein zu erregen. Diese
Sinneserregung leistet das, worin überhaupt ihre Funktion besteht; sie dirigiert einen Teil der im
Vbw verfügbaren Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. So muß man also
zugeben, daß der Traum jedesmal weckt, einen Teil der ruhenden Kraft des Vbw in Tätigkeit
versetzt. Er erfährt nun von dieser jene Beeinflussung, die wir als sekundäre Bearbeitung mit
Rücksicht auf Zusammenhang und Verständlichkeit bezeichnet haben. Das will sagen, der Traum
wird von ihr behandelt wie jeder andere Wahrnehmungsinhalt; er wird denselben
Erwartungsvorstellungen unterzogen, soweit sein Material sie eben zuläßt. Soweit bei diesem
dritten Stück des Traumvorganges eine Ablaufsrichtung in Betracht kommt, ist es wieder die
progrediente.
Zur Verhütung von Mißverständnissen wird ein Wort über die zeitlichen Eigenschaften dieser
Traumvorgänge wohl angebracht sein. Ein sehr anziehender Gedankengang Goblots, der offenbar
durch das Rätsel des Mauryschen Guillotinentraumes angeregt ist, sucht darzutun, daß der Traum
keine andere Zeit in Anspruch nimmt als die der Übergangsperiode zwischen Schlafen und
Erwachen. Das Erwachen braucht Zeit; in dieser Zeit fällt der Traum vor. Man meint, das letzte
Bild des Traumes war so stark, daß es zum Erwachen nötigte. In Wirklichkeit war es nur darum
so stark, weil wir bei ihm dem Erwachen schon so nahe waren. »Un rêve c’est un réveil qui
commence.«
Es ist schon von Dugas hervorgehoben worden, daß Goblot viel Tatsächliches beseitigen muß,
um seine These allgemein zu halten. Es gibt auch Träume, aus denen man nicht erwacht, z. B.
manche, in denen man träumt, daß man träumt. Nach unserer Kenntnis der Traumarbeit können
wir unmöglich zugeben, daß sie sich nur über die Periode des Erwachens erstrecke. Es muß uns
im Gegenteil wahrscheinlich werden, daß das erste Stück der Traumarbeit bereits am Tage, noch
unter der Herrschaft des Vorbewußten beginnt. Das zweite Stück derselben, die Veränderung
durch die Zensur, die Anziehung durch die unbewußten Szenen, das Durchdringen zur
Wahrnehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch fort, und insofern dürften wir immer
recht haben, wenn wir eine Empfindung angeben, wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch
wenn wir nicht zu sagen wissen, was. Ich glaube aber nicht, daß es notwendig ist, anzunehmen,
die Traumvorgänge hielten bis zum Bewußtwerden wirklich die zeitliche Folge ein, die wir
beschrieben haben; es sei zuerst der übertragene Traumwunsch vorhanden, dann gehe die
Entstellung durch die Zensur vor sich, darauf folge die Richtungsänderung der Regression usw.
Wir haben eine solche Sukzession bei der Beschreibung herstellen müssen; in Wirklichkeit
handelt es sich wohl vielmehr um gleichzeitiges Erproben dieser und jener Wege, um ein Hin-
und Herwogen der Erregung, bis endlich durch deren zweckmäßigste Anhäufung gerade die eine
Gruppierung die bleibende wird. Ich möchte selbst nach gewissen persönlichen Erfahrungen
glauben, daß die Traumarbeit oft mehr als einen Tag und eine Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu
liefern, wobei dann die außerordentliche Kunst im Aufbau des Traums alles Wunderbare verliert.
Selbst die Rücksicht auf die Verständlichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner Meinung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin