Page - 713 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Der Primär- und der Sekundärvorgang der Verdrängung
Indem ich den Versuch wagte, tiefer in die Psychologie der Traumvorgänge einzudringen, habe
ich eine schwierige Aufgabe unternommen, welcher auch meine Darstellungskunst kaum
gewachsen ist. Die Gleichzeitigkeit eines so komplizierten Zusammenhangs durch ein
Nacheinander in der Beschreibung wiederzugeben und dabei bei jeder Aufstellung
voraussetzungslos zu erscheinen will meinen Kräften zu schwer werden. Es rächt sich nun an
mir, daß ich bei der Darstellung der Traumpsychologie nicht der historischen Entwicklung
meiner Einsichten folgen kann. Mir waren die Gesichtspunkte für die Auffassung des Traums
durch vorhergegangene Arbeiten über die Psychologie der Neurosen gegeben, auf die ich mich
hier nicht beziehen soll und doch immer wieder beziehen muß, während ich in umgekehrter
Richtung vorgehen und vom Traume aus den Anschluß an die Psychologie der Neurosen
erreichen möchte. Ich kenne alle Beschwerden, die sich hieraus für den Leser ergeben; aber ich
weiß kein Mittel, sie zu vermeiden.
Unbefriedigt von dieser Sachlage, verweile ich gerne bei einem anderen Gesichtspunkte, der mir
den Wert meiner Bemühung zu heben scheint. Ich fand ein Thema vor, das von den schärfsten
Widersprüchen in den Meinungen der Autoren beherrscht war, wie die Einführung des ersten
Abschnittes gezeigt hat. Nach unserer Bearbeitung der Traumprobleme ist für die meisten dieser
Widersprüche Raum geschaffen worden. Nur zweien der geäußerten Ansichten, daß der Traum
ein sinnloser und ein somatischer Vorgang sei, mußten wir selbst entschieden widersprechen;
sonst aber haben wir allen einander widersprechenden Meinungen an irgendeiner Stelle des
verwickelten Zusammenhangs recht geben und nachweisen können, daß sie etwas Richtiges
herausgefunden hatten. Daß der Traum die Anregungen und Interessen des Wachlebens fortsetzt,
hat sich durch die Aufdeckung der verborgenen Traumgedanken ganz allgemein bestätigt. Diese
beschäftigen sich nur mit dem, was uns wichtig scheint und uns mächtig interessiert. Der Traum
gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab. Aber auch das Gegenteil haben wir gelten lassen, daß der
Traum die gleichgültigen Abfälle des Tages aufklaubt und sich eines großen Tagesinteresses
nicht eher bemächtigen kann, als bis es sich der Wacharbeit einigermaßen entzogen hat. Wir
fanden dies gültig für den Trauminhalt, der den Traumgedanken einen durch Entstellung
veränderten Ausdruck gibt. Der Traumvorgang, sagten wir, bemächtigt sich aus Gründen der
Assoziationsmechanik leichter des frischen oder des gleichgültigen Vorstellungsmaterials,
welches von der wachen Denktätigkeit noch nicht mit Beschlag belegt ist, und aus Gründen der
Zensur überträgt er die psychische Intensität von dem Bedeutsamen, aber auch Anstößigen, auf
das Indifferente. Die Hypermnesie des Traums und die Verfügung über das Kindheitsmaterial
sind zu Grundpfeilern unserer Lehre geworden; in unserer Traumtheorie haben wir dem aus dem
Infantilen stammenden Wunsch die Rolle des unentbehrlichen Motors für die Traumbildung
zugeschrieben. An der experimentell nachgewiesenen Bedeutung der äußeren Sinnesreize
während des Schlafes zu zweifeln, konnte uns natürlich nicht einfallen, aber wir haben dies
Material in dasselbe Verhältnis zum Traumwunsch gesetzt wie die von der Tagesarbeit erübrigten
Gedankenreste. Daß der Traum den objektiven Sinnesreiz nach Art einer Illusion deutet,
brauchen wir nicht zu bestreiten; aber wir haben das von den Autoren unbestimmt gelassene
Motiv für diese Deutung hinzugefügt. Die Deutung erfolgt so, daß das wahrgenommene Objekt
für die Schlafstörung unschädlich und für die Wunscherfüllung verwendbar wird. Den
subjektiven Erregungszustand der Sinnesorgane während des Schlafes, der durch Trumbull Ladd
nachgewiesen scheint, lassen wir zwar nicht als besondere Traumquelle gelten, aber wir wissen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin