Page - 714 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ihn durch regrediente Belebung der hinter dem Traum wirkenden Erinnerungen zu erklären. Auch
den inneren organischen Sensationen, die gern zum Angelpunkt der Traumerklärung genommen
werden, ist in unserer Auffassung eine, wenngleich bescheidenere Rolle verblieben. Sie stellen
uns – die Sensationen des Fallens, Schwebens, Gehemmtseins – ein allezeit bereites Material dar,
dessen sich die Traumarbeit zum Ausdruck der Traumgedanken, sooft es not tut, bedient.
Daß der Traumvorgang ein rapider, momentaner ist, erscheint uns richtig für die Wahrnehmung
des vorgebildeten Trauminhalts durch das Bewußtsein; für die vorhergehenden Stücke des
Traumvorgangs haben wir einen langsamen, wogenden Ablauf wahrscheinlich gefunden. Zum
Rätsel des überreichen, in den kürzesten Moment zusammengedrängten Trauminhalts konnten
wir den Beitrag liefern, daß es sich dabei um das Aufgreifen bereits fertiger Gebilde des
psychischen Lebens handle. Daß der Traum von der Erinnerung entstellt und verstümmelt wird,
fanden wir richtig, aber nicht hinderlich, da dies nur das letzte manifeste Stück einer von Anfang
der Traumbildung an wirksamen Entstellungsarbeit ist. In dem erbitterten und einer Versöhnung
scheinbar unfähigen Streite, ob das Seelenleben nachts schlafe oder über all seine
Leistungsfähigkeit wie bei Tag verfüge, haben wir beiden Teilen recht und doch keinem ganz
recht geben können. In den Traumgedanken fanden wir die Beweise einer höchst komplizierten,
mit fast allen Mitteln des seelischen Apparats arbeitenden, intellektuellen Leistung; doch ist es
nicht abzuweisen, daß diese Traumgedanken bei Tag entstanden sind, und es ist unentbehrlich
anzunehmen, daß es einen Schlafzustand des Seelenlebens gibt. So kam selbst die Lehre vom
partiellen Schlaf zur Geltung; aber nicht in dem Zerfall der seelischen Zusammenhänge haben
wir die Charakteristik des Schlafzustandes gefunden, sondern in der Einstellung des den Tag
beherrschenden psychischen Systems auf den Wunsch zu schlafen. Die Ablenkung von der
Außenwelt bewahrte auch für unsere Auffassung ihre Bedeutung; sie hilft, wenn auch nicht als
einziges Moment, die Regression der Traumdarstellung ermöglichen. Der Verzicht auf die
willkürliche Lenkung des Vorstellungsablaufes ist unbestreitbar; aber das psychische Leben wird
darum nicht ziellos, denn wir haben gehört, daß nach dem Aufgeben der gewollten
Zielvorstellungen ungewollte zur Herrschaft gelangen. Die lockere Assoziationsverknüpfung im
Traume haben wir nicht nur anerkannt, sondern ihrer Herrschaft einen weit größeren Umfang
zugewiesen, als geahnt werden konnte; wir haben aber gefunden, daß sie nur der erzwungene
Ersatz für eine andere, korrekte und sinnvolle ist. Gewiß nannten auch wir den Traum absurd;
aber Beispiele konnten uns lehren, wie klug der Traum ist, wenn er sich absurd stellt. Von den
Funktionen, die dem Traume zuerkannt worden sind, trennt uns kein Widerspruch. Daß der
Traum die Seele wie ein Ventil entlaste und daß nach Roberts Ausdruck allerlei Schädliches
durch das Vorstellen im Traume unschädlich gemacht wird, trifft nicht nur genau mit unserer
Lehre von der zweifachen Wunscherfüllung durch den Traum zusammen, sondern wird für uns
sogar nach seinem Wortlaut verständlicher als bei Robert. Das freie Sichergehen der Seele im
Spiele ihrer Fähigkeiten findet sich bei uns wieder in dem Gewährenlassen des Traums durch die
vorbewußte Tätigkeit. Die »Rückkehr auf den embryonalen Standpunkt des Seelenlebens im
Traume« und die Bemerkung von Havelock Ellis, »an archaic world of vast emotions and
imperfect thoughts«, erscheinen uns als glückliche Vorwegnahmen unserer Ausführungen, die
primitive, bei Tag unterdrückte Arbeitsweisen an der Traumbildung beteiligt sein lassen; die
Behauptung von Sully, »der Traum bringe unsere früheren sukzessive entwickelten
Persönlichkeiten wieder, unsere alte Art, die Dinge anzusehen, Impulse und Reaktionsweisen, die
uns vor langen Zeiten beherrscht haben«, konnten wir im vollen Umfange zu der unsrigen
machen; wie bei Delage wird bei uns das »Unterdrückte« zur Triebfeder des Träumens.
Die Rolle, welche Scherner der Traumphantasie zuschreibt und die Deutungen Scherners selbst
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin