Page - 718 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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vorher rationell gebildeten Traumgedanken unterzogen werden. Man erkennt als den
Hauptcharakter derselben, daß aller Wert darauf gelegt wird, die besetzende Energie beweglich
und abfuhrfähig zu machen; der Inhalt und die eigene Bedeutung der psychischen Elemente, an
denen diese Besetzungen haften, wird zur Nebensache. Man könnte noch meinen, die
Verdichtung und Kompromißbildung geschehe nur im Dienste der Regression, wenn es sich
darum handelt, Gedanken in Bilder zu verwandeln. Allein die Analyse – und noch deutlicher die
Synthese – solcher Träume, die der Regression auf Bilder entbehren, z. B. des Traumes
»Autodidasker – Gespräch mit Professor N.«, ergeben die nämlichen Verschiebungs- und
Verdichtungsvorgänge wie die anderen.
So können wir uns also der Einsicht nicht verschließen, daß an der Traumbildung zweierlei
wesensverschiedene psychische Vorgänge beteiligt sind; der eine schafft vollkommen korrekte,
dem normalen Denken gleichwertige Traumgedanken; der andere verfährt mit denselben auf eine
höchst befremdende, inkorrekte Weise. Den letzteren haben wir schon im Abschnitt VI als die
eigentliche Traumarbeit abgesondert. Was haben wir nun zur Ableitung dieses letzteren
psychischen Vorgangs vorzubringen?
Wir könnten hier eine Antwort nicht geben, wenn wir nicht ein Stück weit in die Psychologie der
Neurosen, speziell der Hysterie, eingedrungen wären. Aus dieser aber erfahren wir, daß die
nämlichen inkorrekten psychischen Vorgänge – und noch andere nicht aufgezählte – die
Herstellung der hysterischen Symptome beherrschen. Auch bei der Hysterie finden wir zunächst
eine Reihe von völlig korrekten, unseren bewußten ganz gleichwertigen Gedanken, von deren
Existenz in dieser Form wir aber nichts erfahren können, die wir erst nachträglich rekonstruieren.
Wenn sie irgendwo zu unserer Wahrnehmung durchgedrungen sind, so ersehen wir aus der
Analyse des gebildeten Symptoms, daß diese normalen Gedanken eine abnorme Behandlung
erlitten haben und mittels Verdichtung, Kompromißbildung, über oberflächliche Assoziationen,
unter Deckung der Widersprüche, eventuell auf dem Wege der Regression in das Symptom
übergeführt wurden. Bei der vollen Identität zwischen den Eigentümlichkeiten der Traumarbeit
und der psychischen Tätigkeit, welche in die psychoneurotischen Symptome ausläuft, werden wir
uns für berechtigt halten, die Schlüsse, zu denen uns die Hysterie nötigt, auf den Traum zu
übertragen.
Aus der Lehre von der Hysterie entnehmen wir den Satz, daß solche abnorme psychische
Bearbeitung eines normalen Gedankenzugs nur dann vorkommt, wenn dieser zur Übertragung
eines unbewußten Wunsches geworden ist, der aus dem Infantilen stammt und sich in der
Verdrängung befindet. Diesem Satz zuliebe haben wir die Theorie des Traums auf die Annahme
gebaut, daß der treibende Traumwunsch allemale aus dem Unbewußten stammt, was, wie wir
selbst zugestanden, sich nicht allgemein nachweisen, wenn auch nicht zurückweisen läßt. Um
aber sagen zu können, was die »Verdrängung« ist, mit deren Namen wir schon so oft gespielt
haben, müssen wir ein Stück an unserm psychologischen Gerüste weiterbauen.
Wir hatten uns in die Fiktion eines primitiven psychischen Apparats vertieft, dessen Arbeit durch
das Bestreben geregelt wird, Anhäufung von Erregung zu vermeiden und sich möglichst
erregungslos zu erhalten. Er war darum nach dem Schema eines Reflexapparats gebaut; die
Motilität, zunächst der Weg zur inneren Veränderung des Körpers, war die ihm zu Gebote
stehende Abfuhrbahn. Wir erörterten dann die psychischen Folgen eines
Befriedigungserlebnisses und hätten dabei schon die zweite Annahme einfügen können, daß
Anhäufung der Erregung – nach gewissen uns nicht bekümmernden Modalitäten – als Unlust
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin