Page - 722 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wunsch die Affektentbindung hervorruft, waren dem Vbw niemals zugänglich; darum ist deren
Affektentbindung auch nicht zu hemmen. Eben wegen dieser Affektentwicklung sind diese
Vorstellungen jetzt auch nicht von den vorbewußten Gedanken her zugänglich, auf die sie ihre
Wunschkraft übertragen haben. Vielmehr tritt das Unlustprinzip in Kraft und veranlaßt, daß das
Vbw sich von diesen Übertragungsgedanken abwendet. Dieselben werden sich selbst überlassen,
»verdrängt«, und somit wird das Vorhandensein eines infantilen, dem Vbw von Anfang an
entzogenen Erinnerungsschatzes zur Vorbedingung der Verdrängung.
Im günstigsten Falle nimmt die Unlustentwicklung ein Ende, sowie den Übertragungsgedanken
im Vbw die Besetzung entzogen ist, und dieser Erfolg kennzeichnet das Eingreifen des
Unlustprinzips als zweckmäßig. Anders aber, wenn der verdrängte unbewußte Wunsch eine
organische Verstärkung erfährt, die er seinen Übertragungsgedanken leihen, wodurch er sie in
den Stand setzen kann, mit ihrer Erregung den Versuch zum Durchdringen zu machen, auch
wenn sie von der Besetzung des Vbw verlassen worden sind. Es kommt dann zum Abwehrkampf,
indem das Vbw den Gegensatz gegen die verdrängten Gedanken verstärkt (Gegenbesetzung), und
in weiterer Folge zum Durchdringen der Übertragungsgedanken, welche Träger des unbewußten
Wunsches sind, in irgendeiner Form von Kompromiß durch Symptombildung. Von dem Moment
aber, da die verdrängten Gedanken von der unbewußten Wunscherregung kräftig besetzt, von der
vorbewußten Besetzung dagegen verlassen sind, unterliegen sie dem primären psychischen
Vorgang, zielen sie nur auf motorische Abfuhr oder, wenn der Weg frei ist, auf halluzinatorische
Belebung der gewünschten Wahrnehmungsidentität. Wir haben früher empirisch gefunden, daß
die beschriebenen inkorrekten Vorgänge sich nur mit Gedanken abspielen, die in der
Verdrängung stehen. Wir erfassen jetzt ein weiteres Stück des Zusammenhangs. Diese
inkorrekten Vorgänge sind die im psychischen Apparat primären; sie treten überall dort ein, wo
Vorstellungen von der vorbewußten Besetzung verlassen, sich selbst überlassen werden und sich
mit der ungehemmten, nach Abfluß strebenden Energie vom Unbewußten her erfüllen können.
Einige andere Beobachtungen kommen hinzu, die Auffassung zu stützen, daß diese inkorrekt
genannten Vorgänge nicht wirklich Fälschungen der normalen, Denkfehler, sind, sondern die von
einer Hemmung befreiten Arbeitsweisen des psychischen Apparats. So sehen wir, daß die
Überleitung der vorbewußten Erregung auf die Motilität nach denselben Vorgängen geschieht
und daß die Verknüpfung der vorbewußten Vorstellungen mit Worten leicht die nämlichen, der
Unaufmerksamkeit zugeschriebenen Verschiebungen und Vermengungen zeigt. Endlich möchte
sich ein Beweis für den Arbeitszuwachs, der bei der Hemmung dieser primären Verlaufsweisen
notwendig wird, aus der Tatsache ergeben, daß wir einen komischen Effekt, einen durch Lachen
abzuführenden Überschuß erzielen, wenn wir diese Verlaufsweisen des Denkens zum Bewußtsein
vordringen lassen.
Die Theorie der Psychoneurosen behauptet mit ausschließender Sicherheit, daß es nur sexuelle
Wunschregungen aus dem Infantilen sein können, welche in den Entwicklungsperioden der
Kindheit die Verdrängung (Affektverwandlung) erfahren haben, in späteren
Entwicklungsperioden dann einer Erneuerung fähig sind, sei es infolge der sexuellen
Konstitution, die sich ja aus der ursprünglichen Bisexualität herausbildet, sei es infolge
ungünstiger Einflüsse des sexuellen Lebens, und die somit die Triebkräfte für alle
psychoneurotische Symptombildung abgeben. Nur durch die Einführung dieser sexuellen Kräfte
sind die in der Theorie der Verdrängung noch aufweisbaren Lücken zu schließen. Ich will es
dahingestellt sein lassen, ob die Forderung des Sexuellen und Infantilen auch für die Theorie des
Traums erhoben werden darf; ich lasse diese hier unvollendet, weil ich schon durch die
Annahme, der Traumwunsch stamme jedesmal aus dem Unbewußten, einen Schritt weit über das
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin