Page - 727 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die Mithilfe der bewußten Tätigkeit in anderen Fällen hat nichts Befremdendes, wo eine
Anstrengung aller Geisteskräfte vorlag. Aber es ist das viel mißbrauchte Vorrecht der bewußten
Tätigkeit, daß sie uns alle anderen verdecken darf, wo immer sie mittut.
Es verlohnt sich kaum der Mühe, die historische Bedeutung der Träume als ein besonderes
Thema aufzustellen. Wo ein Häuptling etwa durch einen Traum zu einem kühnen Unternehmen
bestimmt wurde, dessen Erfolg verändernd in die Geschichte eingegriffen hat, da ergibt sich ein
neues Problem nur so lange, als man den Traum wie eine fremde Macht anderen vertrauteren
Seelenkräften gegenüberstellt, nicht mehr, wenn man den Traum als eine Form des Ausdrucks für
Regungen betrachtet, auf denen bei Tage ein Widerstand lastete und die sich bei Nacht
Verstärkung aus tiefliegenden Erregungsquellen holen konnten[237]. Die Achtung aber, mit der
dem Traum bei den alten Völkern begegnet wurde, ist eine auf richtige psychologische Ahnung
gegründete Huldigung vor dem Ungebändigten und Unzerstörbaren in der Menschenseele, dem
Dämonischen, welches den Traumwunsch hergibt und das wir in unserem Unbewußten
wiederfinden.
Ich sage nicht ohne Absicht, in unserem Unbewußten, denn was wir so heißen, deckt sich nicht
mit dem Unbewußten der Philosophen, auch nicht mit dem Unbewußten bei Lipps. Dort soll es
bloß den Gegensatz zu dem Bewußten bezeichnen; daß es außer den bewußten Vorgängen auch
unbewußte psychische gibt, ist die heiß bestrittene und energisch verteidigte Erkenntnis. Bei
Lipps hören wir von dem weiter reichenden Satz, daß alles Psychische als unbewußt vorhanden
ist, einiges davon dann auch als bewußt. Aber nicht zum Erweis für diesen Satz haben wir die
Phänomene des Traums und der hysterischen Symptombildung herangezogen; die Beobachtung
des normalen Tageslebens reicht allein hin, ihn über jeden Zweifel festzustellen. Das Neue, was
uns die Analyse der psychopathologischen Bildungen und schon ihres ersten Gliedes, der
Träume, gelehrt, besteht darin, daß das Unbewußte – also das Psychische – als Funktion zweier
gesonderter Systeme vorkommt und schon im normalen Seelenleben so vorkommt. Es gibt also
zweierlei Unbewußtes, was wir von den Psychologen noch nicht gesondert finden. Beides ist
Unbewußtes im Sinne der Psychologie; aber in unserem ist das eine, das wir Ubw heißen, auch
bewußtseinsunfähig, während das andere, Vbw, von uns darum so genannt wird, weil dessen
Erregungen, zwar auch nach Einhaltung gewisser Regeln, vielleicht erst unter Überstehung einer
neuen Zensur, aber doch ohne Rücksicht auf das Ubw-System zum Bewußtsein gelangen können.
Die Tatsache, daß die Erregungen, um zum Bewußtsein zu kommen, eine unabänderliche
Reihenfolge, einen Instanzenzug durchzumachen haben, der uns durch ihre Zensurveränderung
verraten wurde, diente uns zur Aufstellung eines Gleichnisses aus der Räumlichkeit. Wir
beschrieben die Beziehungen der beiden Systeme zueinander und zum Bewußtsein, indem wir
sagten, das System Vbw stehe wie ein Schirm zwischen dem System Ubw und dem Bewußtsein.
Das System Vbw sperre nicht nur den Zugang zum Bewußtsein, es beherrsche auch den Zugang
zur willkürlichen Motilität und verfüge über die Aussendung einer mobilen Besetzungsenergie,
von der uns ein Anteil als Aufmerksamkeit vertraut ist.[238]
Auch von der Unterscheidung Ober- und Unterbewußtsein, die in der neueren Literatur der
Psychoneurosen so beliebt geworden ist, müssen wir uns fernhalten, da gerade sie die
Gleichstellung des Psychischen und des Bewußten zu betonen scheint.
Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst allmächtigen, alles andere verdeckenden
Bewußtsein? Keine andere als die eines Sinnesorgans zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten.
Nach dem Grundgedanken unseres schematischen Versuchs können wir die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin