Page - 728 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Bewußtseinswahrnehmung nur als die eigene Leistung eines besonderen Systems auffassen, für
welches sich die Abkürzungsbezeichnung Bw empfiehlt. Dies System denken wir uns in seinen
mechanischen Charakteren ähnlich wie die Wahrnehmungssysteme W, also erregbar durch
Qualitäten und unfähig, die Spur von Veränderungen zu bewahren, also ohne Gedächtnis. Der
psychische Apparat, der mit dem Sinnesorgan der W-Systeme der Außenwelt zugekehrt ist, ist
selbst Außenwelt für das Sinnesorgan des Bw, dessen teleologische Rechtfertigung in diesem
Verhältnisse ruht. Das Prinzip des Instanzenzugs, welches den Bau des Apparats zu beherrschen
scheint, tritt uns hier nochmals entgegen. Das Material an Erregungen fließt dem Bw-Sinnesorgan
von zwei Seiten her zu, von dem W-System her, dessen durch Qualitäten bedingte Erregung
wahrscheinlich eine neue Verarbeitung durchmacht, bis sie zur bewußten Empfindung wird, und
aus dem Innern des Apparats selbst, dessen quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der Lust
und Unlust empfunden werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen angelangt sind.
Die Philosophen, welche innewurden, daß korrekte und hoch zusammengesetzte
Gedankenbildungen auch ohne Dazutun des Bewußtseins möglich sind, haben es dann als
Schwierigkeit erfunden, dem Bewußtsein eine Verrichtung zuzuschreiben; es erschien ihnen als
überflüssige Spiegelung des vollendeten psychischen Vorgangs. Die Analogie unseres
Bw-Systems mit den Wahrnehmungssystemen entreißt uns dieser Verlegenheit. Wir sehen, daß
die Wahrnehmung durch unsere Sinnesorgane die Folge hat, eine Aufmerksamkeitsbesetzung auf
die Wege zu leiten, nach denen die ankommende Sinneserregung sich verbreitet; die qualitative
Erregung des W-Systems dient der mobilen Quantität im psychischen Apparat als Regulator ihres
Ablaufs. Dieselbe Verrichtung können wir für das überlagernde Sinnesorgan des Bw-Systems in
Anspruch nehmen. Indem es neue Qualitäten wahrnimmt, leistet es einen neuen Beitrag zur
Lenkung und zweckmäßigen Verteilung der mobilen Besetzungsquantitäten. Mittels der Lust-
und Unlustwahrnehmung beeinflußt es den Verlauf der Besetzungen innerhalb des sonst
unbewußt und durch Quantitätsverschiebungen arbeitenden psychischen Apparats. Es ist
wahrscheinlich, daß das Unlustprinzip die Verschiebungen der Besetzung zunächst automatisch
regelt; aber es ist sehr wohl möglich, daß das Bewußtsein dieser Qualitäten eine zweite und
feinere Regulierung hinzutut, die sich sogar der ersteren widersetzen kann und die
Leistungsfähigkeit des Apparats vervollkommnet, indem sie ihn gegen seine ursprüngliche
Anlage in den Stand setzt, auch was mit Unlustentbindung verknüpft ist, der Besetzung und
Bearbeitung zu unterziehen. Aus der Neurosenpsychologie erfährt man, daß diesen
Regulierungen durch die Qualitätserregung der Sinnesorgane eine große Rolle bei der
Funktionstätigkeit des Apparats zugedacht ist. Die automatische Herrschaft des primären
Unlustprinzips und die damit verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit wird durch die
sensiblen Regulierungen, die selbst wieder Automatismen sind, gebrochen. Man erfährt, daß die
Verdrängung, die, ursprünglich zweckmäßig, doch in schädlichen Verzicht auf Hemmung und
seelische Beherrschung ausläuft, sich so viel leichter an Erinnerungen als an Wahrnehmungen
vollzieht, weil bei ersteren der Besetzungszuwachs durch die Erregung der psychischen
Sinnesorgane ausbleiben muß. Wenn ein abzuwehrender Gedanke einerseits nicht bewußt wird,
weil er der Verdrängung unterlegen ist, so kann er andere Male nur darum verdrängt werden, weil
er aus anderen Gründen der Bewußtseinswahrnehmung entzogen wurde. Es sind das Winke,
deren sich die Therapie bedient, um vollzogene Verdrängungen rückgängig zu machen.
Der Wert der Überbesetzung, welche durch den regulierenden Einfluß des Bw-Sinnesorgans auf
die mobile Quantität hergestellt wird, ist im teleologischen Zusammenhang durch nichts besser
dargetan als durch die Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und somit einer neuen
Regulierung, welche das Vorrecht des Menschen vor den Tieren ausmacht. Die Denkvorgänge
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin