Page - 729 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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sind nämlich an sich qualitätslos bis auf die sie begleitenden Lust- und Unlusterregungen, die ja
als mögliche Störung des Denkens in Schranken gehalten werden sollen. Um ihnen eine Qualität
zu verleihen, werden sie beim Menschen mit den Worterinnerungen assoziiert, deren
Qualitätsreste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf sich zu ziehen und von ihm
aus dem Denken eine neue mobile Besetzung zuzuwenden.
Die ganze Mannigfaltigkeit der Bewußtseinsprobleme läßt sich erst bei der Zergliederung der
hysterischen Denkvorgänge übersehen. Man empfängt dann den Eindruck, daß auch der
Übergang vom Vorbewußten zur Bewußtseinsbesetzung mit einer Zensur verknüpft ist, ähnlich
der Zensur zwischen Ubw und Vbw. Auch diese Zensur setzt erst bei einer gewissen quantitativen
Grenze ein, so daß ihr wenig intensive Gedankenbildungen entgehen. Alle möglichen Fälle der
Abhaltung von dem Bewußtsein sowie des Durchdringens zu demselben unter Einschränkungen
finden sich im Rahmen der psychoneurotischen Phänomene vereinigt; sämtlich weisen sie auf
den innigen und zweiseitigen Zusammenhang zwischen Zensur und Bewußtsein hin. Mit der
Mitteilung zweier derartiger Vorkommnisse will ich diese psychologischen Erörterungen
beschließen.
Ein Konsilium im Vorjahre führte mich zu einem intelligent und unbefangen blickenden
Mädchen. Ihr Aufzug ist befremdend; wo doch sonst die Kleidung des Weibes bis in die letzte
Falte beseelt ist, trägt sie einen Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe der Bluse offen. Sie
klagt über Schmerzen in einem Bein und entblößt unaufgefordert eine Wade. Ihre Hauptklage
aber lautet wörtlich: Sie hat ein Gefühl im Leib, als ob etwas darin stecken würde, was sich hin
und her bewegt und sie durch und durch erschüttert. Manchmal wird ihr dabei der ganze Leib wie
steif. Mein mitanwesender Kollege sieht mich dabei an; er findet die Klage nicht mißverständlich.
Merkwürdig erscheint uns beiden, daß die Mutter der Kranken sich dabei nichts denkt; sie muß
sich ja wiederholt in der Situation befunden haben, welche ihr Kind beschreibt. Das Mädchen
selbst hat keine Ahnung von dem Belang ihrer Rede, sonst würde sie dieselbe nicht im Munde
führen. Hier ist es gelungen, die Zensur so abzublenden, daß eine sonst im Vorbewußten
verbleibende Phantasie wie harmlos in der Maske einer Klage zum Bewußtsein zugelassen wird.
Ein anderes Beispiel: Ich beginne eine psychoanalytische Behandlung mit einem
vierzehnjährigen Knaben, der an tic convulsif, hysterischem Erbrechen, Kopfschmerz u. dgl.
leidet, indem ich ihm versichere, er werde nach dem Augenschluß Bilder sehen oder Einfälle
bekommen, die er mir mitteilen soll. Er antwortet in Bildern. Der letzte Eindruck, ehe er zu mir
gekommen ist, lebt in seiner Erinnerung visuell auf. Er hatte mit seinem Onkel ein Brettspiel
gespielt und sieht jetzt das Brett vor sich. Er erörtert verschiedene Stellungen, die günstig sind
oder ungünstig, Züge, die man nicht machen darf. Dann sieht er auf dem Brett einen Dolch
liegen, einen Gegenstand, den sein Vater besitzt, den aber seine Phantasie auf das Brett verlegt.
Dann liegt eine Sichel auf dem Brett, dann kommt eine Sense hinzu, und jetzt tritt das Bild eines
alten Bauern auf, der das Gras vor dem entfernten heimatlichen Hause mit der Sense mäht. Nach
wenigen Tagen habe ich das Verständnis für diese Aneinanderreihung von Bildern gewonnen.
Unerfreuliche Familienverhältnisse haben den Knaben in Aufregung gebracht. Ein harter,
jähzorniger Vater, der mit der Mutter in Unfrieden lebte, dessen Erziehungsmittel Drohungen
waren; die Scheidung des Vaters von der weichen und zärtlichen Mutter; die Wiederverheiratung
des Vaters, der eines Tages eine junge Frau als die neue Mama nach Hause brachte. In den ersten
Tagen nachher brach die Krankheit des vierzehnjährigen Knaben aus. Es ist die unterdrückte Wut
gegen den Vater, die jene Bilder zu verständlichen Anspielungen zusammengesetzt hat. Eine
Reminiszenz aus der Mythologie hat das Material gegeben. Die Sichel ist die, mit der Zeus den
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin