Page - 736 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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eine besondere Funktion eingerichtet, welche die Außenwelt periodisch abzusuchen hatte, damit
die Daten derselben im vorhinein bekannt wären, wenn sich ein unaufschiebbares inneres
Bedürfnis einstellte, die Aufmerksamkeit. Diese Tätigkeit geht den Sinneseindrücken entgegen,
anstatt ihr Auftreten abzuwarten. Wahrscheinlich wurde gleichzeitig damit ein System von
Merken eingesetzt, welches die Ergebnisse dieser periodischen Bewußtseinstätigkeit zu
deponieren hatte, ein Teil von dem, was wir Gedächtnis heißen.
An Stelle der Verdrängung, welche einen Teil der auftauchenden Vorstellungen als
unlusterzeugend von der Besetzung ausschloß, trat die unparteiische Urteilsfällung, welche
entscheiden sollte, ob eine bestimmte Vorstellung wahr oder falsch, das heißt im Einklang mit
der Realität sei oder nicht, und durch Vergleichung mit den Erinnerungsspuren der Realität
darüber entschied.
Die motorische Abfuhr, die während der Herrschaft des Lustprinzips zur Entlastung des
seelischen Apparats von Reizzuwächsen gedient hatte und dieser Aufgabe durch ins Innere des
Körpers gesandte Innervationen (Mimik, Affektäußerungen) nachgekommen war, erhielt jetzt
eine neue Funktion, indem sie zur zweckmäßigen Veränderung der Realität verwendet wurde. Sie
wandelte sich zum Handeln.
Die notwendig gewordene Aufhaltung der motorischen Abfuhr (des Handelns) wurde durch den
Denkprozeß besorgt, welcher sich aus dem Vorstellen herausbildete. Das Denken wurde mit
Eigenschaften ausgestattet, welche dem seelischen Apparat das Ertragen der erhöhten
Reizspannung während des Aufschubs der Abfuhr ermöglichten. Es ist im wesentlichen ein
Probehandeln mit Verschiebung kleinerer Besetzungsquantitäten, unter geringer Verausgabung
(Abfuhr) derselben. Dazu war eine Überführung der frei verschiebbaren Besetzungen in
gebundene erforderlich, und eine solche wurde mittels einer Niveauerhöhung des ganzen
Besetzungsvorganges erreicht. Das Denken war wahrscheinlich ursprünglich unbewußt, insoweit
es sich über das bloße Vorstellen erhob und sich den Relationen der Objekteindrücke zuwendete,
und erhielt weitere für das Bewußtsein wahrnehmbare Qualitäten erst durch die Bindung an die
Wortreste.
2) Eine allgemeine Tendenz unseres seelischen Apparats, die man auf das ökonomische Prinzip
der Aufwandersparnis zurückführen kann, scheint sich in der Zähigkeit des Festhaltens an den
zur Verfügung stehenden Lustquellen und in der Schwierigkeit des Verzichts auf dieselben zu
äußern. Mit der Einsetzung des Realitätsprinzips wurde eine Art Denktätigkeit abgespalten, die
von der Realitätsprüfung frei gehalten und allein dem Lustprinzip unterworfen blieb[5]. Es ist dies
das Phantasieren, welches bereits mit dem Spielen der Kinder beginnt und später als Tagträumen
fortgesetzt die Anlehnung an reale Objekte aufgibt.
3) Die Ablösung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip mit den aus ihr hervorgehenden
psychischen Folgen, die hier in einer schematisierenden Darstellung in einen einzigen Satz
gebannt ist, vollzieht sich in Wirklichkeit nicht auf einmal und nicht gleichzeitig auf der ganzen
Linie. Während aber diese Entwicklung an den Ichtrieben vor sich geht, lösen sich die
Sexualtriebe in sehr bedeutsamer Weise von ihnen ab. Die Sexualtriebe benehmen sich zunächst
autoerotisch, sie finden ihre Befriedigung am eigenen Leib und gelangen daher nicht in die
Situation der Versagung, welche die Einsetzung des Realitätsprinzips erzwungen hat. Wenn dann
später bei ihnen der Prozeß der Objektfindung beginnt, erfährt er alsbald eine lange
Unterbrechung durch die Latenzzeit, welche die Sexualentwicklung bis zur Pubertät verzögert.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin