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Diese beiden Momente – Autoerotismus und Latenzperiode – haben zur Folge, daß der
Sexualtrieb in seiner psychischen Ausbildung aufgehalten wird und weit länger unter der
Herrschaft des Lustprinzips verbleibt, welcher er sich bei vielen Personen überhaupt niemals zu
entziehen vermag.
Infolge dieser Verhältnisse stellt sich eine nähere Beziehung her zwischen dem Sexualtrieb und
der Phantasie einerseits, den Ichtrieben und den Bewußtseinstätigkeiten anderseits. Diese
Beziehung tritt uns bei Gesunden wie Neurotikern als eine sehr innige entgegen, wenngleich sie
durch diese Erwägungen aus der genetischen Psychologie als eine sekundäre erkannt wird. Der
fortwirkende Autoerotismus macht es möglich, daß die leichtere momentane und phantastische
Befriedigung am Sexualobjekte so lange an Stelle der realen, aber Mühe und Aufschub
erfordernden festgehalten wird. Die Verdrängung bleibt im Reiche des Phantasierens allmächtig;
sie bringt es zustande, Vorstellungen in statu nascendi, ehe sie dem Bewußtsein auffallen
können, zu hemmen, wenn deren Besetzung zur Unlustentbindung Anlaß geben kann. Dies ist die
schwache Stelle unserer psychischen Organisation, die dazu benutzt werden kann, um bereits
rationell gewordene Denkvorgänge wieder unter die Herrschaft des Lustprinzips zu bringen. Ein
wesentliches Stück der psychischen Disposition zur Neurose ist demnach durch die verspätete
Erziehung des Sexualtriebs zur Beachtung der Realität und des weiteren durch die Bedingungen,
welche diese Verspätung ermöglichen, gegeben.
4) Wie das Lust-Ich nichts anderes kann als wünschen, nach Lustgewinn arbeiten und der Unlust
ausweichen, so braucht das Real-Ich nichts anderes zu tun, als nach Nutzen zu streben und sich
gegen Schaden zu sichern[6]. In Wirklichkeit bedeutet die Ersetzung des Lustprinzips durch das
Realitätsprinzip keine Absetzung des Lustprinzips, sondern nur eine Sicherung desselben. Eine
momentane, in ihren Folgen unsichere Lust wird aufgegeben, aber nur darum, um auf dem neuen
Wege eine später kommende, gesicherte zu gewinnen. Doch ist der endopsychische Eindruck
dieser Ersetzung ein so mächtiger gewesen, daß er sich in einem besonderen religiösen Mythus
spiegelt. Die Lehre von der Belohnung im Jenseits für den – freiwilligen oder aufgezwungenen –
Verzicht auf irdische Lüste ist nichts anderes als die mythische Projektion dieser psychischen
Umwälzung. Die Religionen haben in konsequenter Verfolgung dieses Vorbildes den absoluten
Lustverzicht im Leben gegen Versprechen einer Entschädigung in einem künftigen Dasein
durchsetzen können; eine Überwindung des Lustprinzips haben sie auf diesem Wege nicht
erreicht. Am ehesten gelingt diese Überwindung der Wissenschaft, die aber auch intellektuelle
Lust während der Arbeit bietet und endlichen praktischen Gewinn verspricht.
5) Die Erziehung kann ohne weitere Bedenken als Anregung zur Überwindung des Lustprinzips,
zur Ersetzung desselben durch das Realitätsprinzip beschrieben werden; sie will also jenem das
Ich betreffenden Entwicklungsprozeß eine Nachhilfe bieten, bedient sich zu diesem Zwecke der
Liebesprämien von Seiten der Erzieher und schlägt darum fehl, wenn das verwöhnte Kind glaubt,
daß es diese Liebe ohnedies besitzt und ihrer unter keinen Umständen verlustig werden kann.
6) Die Kunst bringt auf einem eigentümlichen Weg eine Versöhnung der beiden Prinzipien
zustande. Der Künstler ist ursprünglich ein Mensch, welcher sich von der Realität abwendet, weil
er sich mit dem von ihr zunächst geforderten Verzicht auf Triebbefriedigung nicht befreunden
kann und seine erotischen und ehrgeizigen Wünsche im Phantasieleben gewähren läßt. Er findet
aber den Rückweg aus dieser Phantasiewelt zur Realität, indem er dank besonderer Begabungen
seine Phantasien zu einer neuen Art von Wirklichkeiten gestaltet, die von den Menschen als
wertvolle Abbilder der Realität zur Geltung zugelassen werden. Er wird so auf eine gewisse
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin