Page - 738 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Weise wirklich der Held, König, Schöpfer, Liebling, der er werden wollte, ohne den gewaltigen
Umweg über die wirkliche Veränderung der Außenwelt einzuschlagen. Er kann dies aber nur
darum erreichen, weil die anderen Menschen die nämliche Unzufriedenheit mit dem real
erforderlichen Verzicht verspüren wie er selbst, weil diese bei der Ersetzung des Lustprinzips
durch das Realitätsprinzip resultierende Unzufriedenheit selbst ein Stück der Realität ist[7].
7) Während das Ich die Umwandlung vom Lust-Ich zum Real-Ich durchmacht, erfahren die
Sexualtriebe jene Veränderungen, die sie vom anfänglichen Autoerotismus durch verschiedene
Zwischenphasen zur Objektliebe im Dienste der Fortpflanzungsfunktion führen. Wenn es richtig
ist, daß jede Stufe dieser beiden Entwicklungsgänge zum Sitz einer Disposition für spätere
neurotische Erkrankung werden kann, liegt es nahe, die Entscheidung über die Form der späteren
Erkrankung (die Neurosenwahl) davon abhängig zu machen, in welcher Phase der Ich- und der
Libidoentwicklung die disponierende Entwicklungshemmung eingetroffen ist. Die noch nicht
studierten zeitlichen Charaktere der beiden Entwicklungen, deren mögliche Verschiebung
gegeneinander, kommen so zu unvermuteter Bedeutung.
8) Der befremdendste Charakter der unbewußten (verdrängten) Vorgänge, an den sich jeder
Untersucher nur mit großer Selbstüberwindung gewöhnt, ergibt sich daraus, daß bei ihnen die
Realitätsprüfung nichts gilt, die Denkrealität gleichgesetzt wird der äußeren Wirklichkeit, der
Wunsch der Erfüllung, dem Ereignis, wie es sich aus der Herrschaft des alten Lustprinzips
ohneweiters ableitet. Darum wird es auch so schwer, unbewußte Phantasien von unbewußt
gewordenen Erinnerungen zu unterscheiden. Man lasse sich aber nie dazu verleiten, die
Realitätswertung in die verdrängten psychischen Bildungen einzutragen und etwa Phantasien
darum für die Symptombildung geringzuschätzen, weil sie eben keine Wirklichkeiten sind, oder
ein neurotisches Schuldgefühl anderswoher abzuleiten, weil sich kein wirklich ausgeführtes
Verbrechen nachweisen läßt. Man hat die Verpflichtung, sich jener Währung zu bedienen, die in
dem Lande, das man durchforscht, eben die herrschende ist, in unserem Falle der neurotischen
Währung. Man versuche z. B., einen Traum wie den folgenden zu lösen. Ein Mann, der einst
seinen Vater während seiner langen und qualvollen Todeskrankheit gepflegt, berichtet, daß er in
den nächsten Monaten nach dessen Ableben wiederholt geträumt habe: der Vater sei wieder am
Leben und er spreche mit ihm wie sonst. Dabei habe er es aber äußerst schmerzlich empfunden,
daß der Vater doch schon gestorben war und es nur nicht wußte. Kein anderer Weg führt zum
Verständnis des widersinnig klingenden Traumes als die Anfügung »nach seinem Wunsch« oder
»infolge seines Wunsches« nach den Worten »daß der Vater doch gestorben war« und der Zusatz
»daß er es wünschte« zu den letzten Worten. Der Traumgedanke lautet dann: Es sei eine
schmerzliche Erinnerung für ihn, daß er dem Vater den Tod (als Erlösung) wünschen mußte, als
er noch lebte, und wie schrecklich, wenn der Vater dies geahnt hätte. Es handelt sich dann um
den bekannten Fall der Selbstvorwürfe nach dem Verlust einer geliebten Person, und der Vorwurf
greift in diesem Beispiel auf die infantile Bedeutung des Todeswunsches gegen den Vater zurück.
Die Mängel dieses kleinen, mehr vorbereitenden als ausführenden Aufsatzes sind vielleicht nur
zum geringen Anteil entschuldigt, wenn ich sie für unvermeidlich ausgebe. In den wenigen
Sätzen über die psychischen Folgen der Adaptierung an das Realitätsprinzip mußte ich
Meinungen andeuten, die ich lieber noch zurückgehalten hätte und deren Rechtfertigung gewiß
keine kleine Mühe kosten wird. Doch will ich hoffen, daß es wohlwollenden Lesern nicht
entgehen wird, wo auch in dieser Arbeit die Herrschaft des Realitätsprinzips beginnt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin