Page - 741 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ich möchte mit wenigen Worten und so klar als möglich darlegen, welcher Sinn dem Ausdruck
»Unbewußtes« in der Psychoanalyse, nur in der Psychoanalyse, zukommt.
Eine Vorstellung – oder jedes andere psychische Element – kann jetzt in meinem Bewußtsein
gegenwärtig sein und im nächsten Augenblick daraus verschwinden; sie kann nach einer
Zwischenzeit ganz unverändert wiederum auftauchen, und zwar, wie wir es ausdrücken, aus der
Erinnerung, nicht als Folge einer neuen Sinneswahrnehmung. Um dieser Tatsache Rechnung zu
tragen, sind wir zu der Annahme genötigt, daß die Vorstellung auch während der Zwischenzeit in
unserem Geiste gegenwärtig gewesen sei, wenn sie auch im Bewußtsein latent blieb. In welcher
Gestalt sie aber existiert haben kann, während sie im Seelenleben gegenwärtig und im
Bewußtsein latent war, darüber können wir keine Vermutungen aufstellen.
An diesem Punkte müssen wir darauf gefaßt sein, dem philosophischen Einwurf zu begegnen,
daß die latente Vorstellung nicht als Objekt der Psychologie vorhanden gewesen sei, sondern nur
als physische Disposition für den Wiederablauf desselben psychischen Phänomens, nämlich eben
jener Vorstellung. Aber wir können darauf erwidern, daß eine solche Theorie das Gebiet der
eigentlichen Psychologie weit überschreitet, daß sie das Problem einfach umgeht, indem sie
daran festhält, daß »bewußt« und »psychisch« identische Begriffe sind, und daß sie offenbar im
Unrecht ist, wenn sie der Psychologie das Recht bestreitet, eine ihrer gewöhnlichsten Tatsachen,
wie das Gedächtnis, durch ihre eigenen Hilfsmittel zu erklären.
Wir wollen nun die Vorstellung, die in unserem Bewußtsein gegenwärtig ist und die wir
wahrnehmen, »bewußt« nennen und nur dies als Sinn des Ausdruckes »bewußt« gelten lassen;
hingegen sollen latente Vorstellungen, wenn wir Grund zur Annahme haben, daß sie im
Seelenleben enthalten sind – wie es beim Gedächtnis der Fall war –, mit dem Ausdruck
»unbewußt« gekennzeichnet werden.
Eine unbewußte Vorstellung ist dann eine solche, die wir nicht bemerken, deren Existenz wir
aber trotzdem auf Grund anderweitiger Anzeichen und Beweise zuzugeben bereit sind.
Dies könnte als eine recht uninteressante deskriptive oder klassifikatorische Arbeit aufgefaßt
werden, wenn keine andere Erfahrung für unser Urteil in Betracht käme als die Tatsachen des
Gedächtnisses oder die der Assoziation über unbewußte Mittelglieder. Aber das wohlbekannte
Experiment der »posthypnotischen Suggestion« lehrt uns an der Wichtigkeit der Unterscheidung
zwischen bewußt und unbewußt festhalten und scheint ihren Wert zu erhöhen.
Bei diesem Experiment, wie es Bernheim ausgeführt hat, wird eine Person in einen hypnotischen
Zustand versetzt und dann daraus erweckt. Während sie sich in dem hypnotischen Zustande,
unter dem Einflusse des Arztes, befand, wurde ihr der Auftrag erteilt, eine bestimmte Handlung
zu einem genau bestimmten Zeitpunkt, z. B. eine halbe Stunde später, auszuführen. Nach dem
Erwachen ist allem Anscheine nach volles Bewußtsein und die gewöhnliche Geistesverfassung
wiederum eingetreten, eine Erinnerung an den hypnotischen Zustand ist nicht vorhanden, und
trotzdem drängt sich in dem vorher festgesetzten Augenblick der Impuls, dieses oder jenes zu
tun, dem Geiste auf, und die Handlung wird mit Bewußtsein, wenn auch ohne zu wissen weshalb,
ausgeführt. Es dürfte kaum möglich sein, eine andere Beschreibung des Phänomens zu geben, als
mit den Worten, daß der Vorsatz im Geiste jener Person in latenter Form oder unbewußt
vorhanden war, bis der gegebene Moment kam, in dem er dann bewußt geworden ist. Aber nicht
in seiner Gänze ist er im Bewußtsein aufgetaucht, sondern nur die Vorstellung des
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin