Page - 744 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Kräfte ausgeschlossen wird, die sich seiner Aufnahme entgegenstellen, während sie anderen
Gedanken, den vorbewußten, nichts in den Weg legen. Die Psychoanalyse läßt keine Möglichkeit
übrig, daran zu zweifeln, daß die Abweisung unbewußter Gedanken bloß durch die in ihrem
Inhalt verkörperten Tendenzen hervorgerufen wird. Die nächstliegende und wahrscheinlichste
Theorie, die wir in diesem Stadium unseres Wissens bilden können, ist die folgende: Das
Unbewußte ist eine regelmäßige und unvermeidliche Phase in den Vorgängen, die unsere
psychische Tätigkeit begründen; jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und kann entweder
so bleiben oder sich weiterentwickelnd zum Bewußtsein fortschreiten, je nachdem, ob er auf
Widerstand trifft oder nicht. Die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter
Tätigkeit ist keine primäre, sondern wird erst hergestellt, nachdem die »Abwehr« ins Spiel
getreten ist. Erst dann gewinnt der Unterschied zwischen vorbewußten Gedanken, die im
Bewußtsein erscheinen und jederzeit dahin zurückkehren können, und unbewußten Gedanken,
denen dies versagt bleibt, theoretischen sowie praktischen Wert. Eine grobe, aber ziemlich
angemessene Analogie dieses supponierten Verhältnisses der bewußten Tätigkeit zur unbewußten
bietet das Gebiet der gewöhnlichen Photographie. Das erste Stadium der Photographie ist das
Negativ; jedes photographische Bild muß den »Negativprozeß« durchmachen, und einige dieser
Negative, die in der Prüfung gut bestanden haben, werden zu dem »Positivprozeß« zugelassen,
der mit dem Bilde endigt.
Aber die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter Tätigkeit und die Erkenntnis
der sie trennenden Schranke ist weder das letzte noch das bedeutungsvollste Resultat der
psychoanalytischen Durchforschung des Seelenlebens. Es gibt ein psychisches Produkt, das bei
den normalsten Personen anzutreffen ist und doch eine höchst auffallende Analogie zu den
wildesten Erzeugnissen des Wahnsinns bietet und den Philosophen nicht verständlicher war als
der Wahnsinn selbst. Ich meine die Träume. Die Psychoanalyse gründet sich auf die
Traumanalyse; die Traumdeutung ist das vollständigste Stück Arbeit, das die junge Wissenschaft
bis heute geleistet hat. Ein typischer Fall der Traumbildung kann folgendermaßen beschrieben
werden: Ein Gedankenzug ist durch die geistige Tätigkeit des Tages wachgerufen worden und hat
etwas von seiner Wirkungsfähigkeit zurückbehalten, durch die er dem allgemeinen Absinken des
Interesses, welches den Schlaf herbeiführt und die geistige Vorbereitung für das Schlafen bildet,
entgangen ist. Während der Nacht gelingt es diesem Gedankenzug, die Verbindung zu einem der
unbewußten Wünsche zu finden, die von Kindheit an im Seelenleben des Träumers immer
gegenwärtig, aber für gewöhnlich verdrängt und von seinem bewußten Dasein ausgeschlossen
sind. Durch die von dieser unbewußten Unterstützung geliehene Kraft können die Gedanken, die
Überbleibsel der Tagesarbeit, nun wiederum wirksam werden und im Bewußtsein in der Gestalt
eines Traumes auftauchen. Es haben sich also dreierlei Dinge ereignet:
1) die Gedanken haben eine Verwandlung, Verkleidung und Entstellung durchgemacht, welche
den Anteil des unbewußten Bundesgenossen darstellt;
2) den Gedanken ist es gelungen, das Bewußtsein zu einer Zeit zu besetzen, wo es ihnen nicht
zugänglich hätte sein sollen;
3) ein Stück des Unbewußten, dem dies sonst unmöglich gewesen wäre, ist im Bewußtsein
aufgetaucht.
Wir haben die Kunst gelernt, die » Tagesreste«: und die latenten Traumgedanken
herauszufinden; durch ihren Vergleich mit dem manifesten Trauminhalt sind wir befähigt, uns ein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin