Page - 750 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Aber eine solche Behauptung ist nicht belangreich. Sie bezieht sich auf Dinge, die bereits so weit
weg sind von den Problemen unserer Beobachtung und so wenig Kenntnisinhalt haben, daß es
ebenso müßig ist, sie zu bestreiten, wie sie zu verwerten; möglicherweise hat diese Uridentität
mit unseren analytischen Interessen sowenig zu tun wie die Urverwandtschaft aller
Menschenrassen mit dem Nachweis der von der Erbschaftsbehörde geforderten Verwandtschaft
mit dem Erblasser. Wir kommen mit all diesen Spekulationen zu nichts; da wir nicht warten
können, bis uns die Entscheidungen der Trieblehre von einer anderen Wissenschaft geschenkt
werden, ist es weit zweckmäßiger zu versuchen, welches Licht durch eine Synthese der
psychologischen Phänomene auf jene biologischen Grundrätsel geworfen werden kann. Machen
wir uns mit der Möglichkeit des Irrtums vertraut, aber lassen wir uns nicht abhalten, die
ersterwählte Annahme eines Gegensatzes von Ich- und Sexualtrieben, die sich uns durch die
Analyse der Übertragungsneurosen aufgedrängt hat, konsequent fortzuführen, ob sie sich
widerspruchsfrei und fruchtbringend entwickeln und auch auf andere Affektionen, z. B. die
Schizophrenie, anwenden läßt.
Anders stünde es natürlich, wenn der Beweis erbracht wäre, daß die Libidotheorie an der
Erklärung der letztgenannten Krankheit bereits gescheitert ist. C. G. Jung hat diese Behauptung
aufgestellt (1912) und mich dadurch zu den letzten Ausführungen, die ich mir gern erspart hätte,
genötigt. Ich hätte es vorgezogen, den in der Analyse des Falles Schreber betretenen Weg unter
Stillschweigen über dessen Voraussetzungen bis zum Ende zu gehen. Die Behauptung von Jung
ist aber zum mindesten eine Voreiligkeit. Seine Begründungen sind spärlich. Er beruft sich
zunächst auf mein eigenes Zeugnis, daß ich selbst mich genötigt gesehen habe, angesichts der
Schwierigkeiten der Schreber-Analyse den Begriff der Libido zu erweitern, das heißt seinen
sexuellen Inhalt aufzugeben, Libido mit psychischem Interesse überhaupt zusammenfallen zu
lassen. Was zur Richtigstellung dieser Fehldeutung zu sagen ist, hat Ferenczi in einer gründlichen
Kritik der Jungschen Arbeit bereits vorgebracht (1913 b). Ich kann dem Kritiker nur beipflichten
und wiederholen, daß ich keinen derartigen Verzicht auf die Libidotheorie ausgesprochen habe.
Ein weiteres Argument von Jung, es sei nicht anzunehmen, daß der Verlust der normalen
Realfunktion allein durch die Zurückziehung der Libido verursacht werden könne, ist kein
Argument, sondern ein Dekret; it begs the question, es nimmt die Entscheidung vorweg und
erspart die Diskussion, denn ob und wie das möglich ist, sollte eben untersucht werden. In seiner
nächsten großen Arbeit (1913) ist Jung an der von mir längst angedeuteten Lösung knapp
vorbeigekommen: »Dabei ist nun allerdings noch in Betracht zu ziehen – worauf übrigens Freud
in seiner Arbeit in dem Schreberschen Falle Bezug nimmt –, daß die Introversion der Libido
sexualis zu einer Besetzung des ›Ich‹ führt, wodurch möglicherweise jener Effekt des
Realitätsverlustes herausgebracht wird. Es ist in der Tat eine verlockende Möglichkeit, die
Psychologie des Realitätsverlustes in dieser Art zu erklären.« Allein Jung läßt sich mit dieser
Möglichkeit nicht viel weiter ein. Wenige Zeilen später tut er sie mit der Bemerkung ab, daß aus
dieser Bedingung »die Psychologie eines asketischen Anachoreten hervorgehen würde, nicht aber
eine Dementia praecox«. Wie wenig dieser ungeeignete Vergleich eine Entscheidung bringen
kann, mag die Bemerkung lehren, daß ein solcher Anachoret, der »jede Spur von Sexualinteresse
auszurotten bestrebt ist« (doch nur im populären Sinne des Wortes »sexual«), nicht einmal eine
pathogene Unterbringung der Libido aufzuweisen braucht. Er mag sein sexuelles Interesse von
den Menschen gänzlich abgewendet und kann es doch zum gesteigerten Interesse für Göttliches,
Natürliches, Tierisches sublimiert haben, ohne einer Introversion seiner Libido auf seine
Phantasien oder einer Rückkehr derselben zu seinem Ich verfallen zu sein. Es scheint, daß dieser
Vergleich die mögliche Unterscheidung vom Interesse aus erotischen Quellen und anderen von
vornherein vernachlässigt. Erinnern wir uns ferner daran, daß die Untersuchungen der Schweizer
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin