Page - 753 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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neben die Neurasthenie und die Angstneurose hinzustellen. Man geht wahrscheinlich nicht zu
weit, wenn man es so darstellt, als wäre regelmäßig bei den anderen Neurosen auch ein
Stückchen Hypochondrie mitausgebildet. Am schönsten sieht man dies wohl bei der
Angstneurose und der sie überbauenden Hysterie. Nun ist das uns bekannte Vorbild des
schmerzhaft empfindlichen, irgendwie veränderten und doch nicht im gewöhnlichen Sinne
kranken Organs das Genitale in seinen Erregungszuständen. Es wird dann blutdurchströmt,
geschwellt, durchfeuchtet und der Sitz mannigfaltiger Sensationen. Nennen wir die Tätigkeit
einer Körperstelle, sexuell erregende Reize ins Seelenleben zu schicken, ihre Erogeneität und
denken daran, daß wir durch die Erwägungen der Sexualtheorie längst an die Auffassung
gewöhnt sind, gewisse andere Körperstellen – die exogenen Zonen – könnten die Genitalien
vertreten und sich ihnen analog verhalten, so haben wir hier nur einen Schritt weiter zu wagen.
Wir können uns entschließen, die Erogeneität als allgemeine Eigenschaft aller Organe anzusehen,
und dürfen dann von der Steigerung oder Herabsetzung derselben an einem bestimmten
Körperteile sprechen. Jeder solchen Veränderung der Erogeneität in den Organen könnte eine
Veränderung der Libidobesetzung im Ich parallel gehen. In solchen Momenten hätten wir das zu
suchen, was wir der Hypochondrie zugrunde legen und was die nämliche Einwirkung auf die
Libidoverteilung haben kann wie die materielle Erkrankung der Organe.
Wir merken, wenn wir diesen Gedankengang fortsetzen, stoßen wir auf das Problem nicht nur der
Hypochondrie, sondern auch der anderen Aktualneurosen, der Neurasthenie und der
Angstneurose. Wir wollen darum an dieser Stelle haltmachen; es liegt nicht in der Absicht einer
rein psychologischen Untersuchung, die Grenze so weit ins Gebiet der physiologischen
Forschung zu überschreiten. Es sei nur erwähnt, daß sich von hier aus vermuten läßt, die
Hypochondrie stehe in einem ähnlichen Verhältnis zur Paraphrenie wie die anderen
Aktualneurosen zur Hysterie und Zwangsneurose, hänge also von der Ichlibido ab, wie die
anderen von der Objektlibido; die hypochondrische Angst sei das Gegenstück von der Ichlibido
her zur neurotischen Angst. Ferner: Wenn wir mit der Vorstellung bereits vertraut sind, den
Mechanismus der Erkrankung und Symptombildung bei den Übertragungsneurosen, den
Fortschritt von der Introversion zur Regression, an eine Stauung der Objektlibido zu knüpfen[12],
so dürfen wir auch der Vorstellung einer Stauung der Ichlibido nähertreten und sie in Beziehung
zu den Phänomenen der Hypochondrie und der Paraphrenie bringen.
Natürlich wird unsere Wißbegierde hier die Frage aufwerfen, warum eine solche Libidostauung
im Ich als unlustvoll empfunden werden muß. Ich möchte mich da mit der Antwort begnügen,
daß Unlust überhaupt der Ausdruck der höheren Spannung ist, daß es also eine Quantität des
materiellen Geschehens ist, die sich hier wie anderwärts in die psychische Qualität der Unlust
umsetzt; für die Unlustentwicklung mag dann immerhin nicht die absolute Größe jenes
materiellen Vorganges entscheidend sein, sondern eher eine gewisse Funktion dieser absoluten
Größe. Von hier aus mag man es selbst wagen, an die Frage heranzutreten, woher denn überhaupt
die Nötigung für das Seelenleben rührt, über die Grenzen des Narzißmus hinauszugehen und die
Libido auf Objekte zu setzen. Die aus unserem Gedankengang abfolgende Antwort würde
wiederum sagen, diese Nötigung trete ein, wenn die Ichbesetzung mit Libido ein gewisses Maß
überschritten habe. Ein starker Egoismus schützt vor Erkrankung, aber endlich muß man
beginnen zu lieben, um nicht krank zu werden, und muß erkranken, wenn man infolge von
Versagung nicht lieben kann. Etwa nach dem Vorbild, wie sich H. Heine die Psychogenese der
Weltschöpfung vorstellt:
»Krankheit ist wohl der letzte Grund
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin