Page - 754 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Des ganzen Schöpferdrangs gewesen;
Erschaffend konnte ich genesen,
Erschaffend wurde ich gesund.«
Wir haben in unserem seelischen Apparat vor allem ein Mittel erkannt, welchem die Bewältigung
von Erregungen übertragen ist, die sonst peinlich empfunden oder pathogen wirksam würden.
Die psychische Bearbeitung leistet Außerordentliches für die innere Ableitung von Erregungen,
die einer unmittelbaren äußeren Abfuhr nicht fähig sind oder für die eine solche nicht
augenblicklich wünschenswert wäre. Für eine solche innere Verarbeitung ist es aber zunächst
gleichgültig, ob sie an realen oder an imaginierten Objekten geschieht. Der Unterschied zeigt sich
erst später, wenn die Wendung der Libido auf die irrealen Objekte (Introversion) zu einer
Libidostauung geführt hat. Eine ähnliche innere Verarbeitung der ins Ich zurückgekehrten Libido
gestattet bei den Paraphrenien der Größenwahn; vielleicht wird erst nach seinem Versagen die
Libidostauung im Ich pathogen und regt den Heilungsprozeß an, der uns als Krankheit imponiert.
Ich versuche an dieser Stelle, einige kleine Schritte weit in den Mechanismus der Paraphrenie
einzudringen, und stelle die Auffassungen zusammen, welche mir schon heute beachtenswert
erscheinen. Den Unterschied dieser Affektionen von den Übertragungsneurosen verlege ich in
den Umstand, daß die durch Versagung frei gewordene Libido nicht bei Objekten in der
Phantasie bleibt, sondern sich aufs Ich zurückzieht; der Größenwahn entspricht dann der
psychischen Bewältigung dieser Libidomenge, also der Introversion auf die Phantasiebildungen
bei den Übertragungsneurosen; dem Versagen dieser psychischen Leistung entspringt die
Hypochondrie der Paraphrenie, welche der Angst der Übertragungsneurosen homolog ist. Wir
wissen, daß diese Angst durch weitere psychische Bearbeitung ablösbar ist, also durch
Konversion, Reaktionsbildung, Schutzbildung (Phobie). Diese Stellung nimmt bei den
Paraphrenien der Restitutionsversuch ein, dem wir die auffälligen Krankheitserscheinungen
danken. Da die Paraphrenie häufig – wenn nicht zumeist – eine bloß partielle Ablösung der
Libido von den Objekten mit sich bringt, so ließen sich in ihrem Bilde drei Gruppen von
Erscheinungen sondern: 1) die der erhaltenen Normalität oder Neurose (Resterscheinungen), 2)
die des Krankheitsprozesses (der Ablösung der Libido von den Objekten, dazu der Größenwahn,
die Hypochondrie, die Affektstörung, alle Regressionen), 3) die der Restitution, welche nach Art
einer Hysterie (Dementia praecox, eigentliche Paraphrenie) oder einer Zwangsneurose (Paranoia)
die Libido wieder an die Objekte heftet. Diese neuerliche Libidobesetzung geschieht von einem
anderen Niveau her, unter anderen Bedingungen als die primäre. Die Differenz der bei ihr
geschaffenen Übertragungsneurosen von den entsprechenden Bildungen des normalen Ichs müßte
die tiefste Einsicht in die Struktur unseres seelischen Apparates vermitteln können.
Einen dritten Zugang zum Studium des Narzißmus gestattet das Liebesleben der Menschen in
seiner verschiedenartigen Differenzierung bei Mann und Weib. Ähnlich, wie die Objektlibido
unserer Beobachtung zuerst die Ichlibido verdeckt hat, so haben wir auch bei der Objektwahl des
Kindes (und Heranwachsenden) zuerst gemerkt, daß es seine Sexualobjekte seinen
Befriedigungserlebnissen entnimmt. Die ersten autoerotischen sexuellen Befriedigungen werden
im Anschluß an lebenswichtige, der Selbsterhaltung dienende Funktionen erlebt. Die
Sexualtriebe lehnen sich zunächst an die Befriedigung der Ichtriebe an, machen sich erst später
von den letzteren selbständig; die Anlehnung zeigt sich aber noch darin, daß die Personen,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin