Page - 758 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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III
Welchen Störungen der ursprüngliche Narzißmus des Kindes ausgesetzt ist und mit welchen
Reaktionen er sich derselben erwehrt, auch auf welche Bahnen er dabei gedrängt wird, das
möchte ich als einen wichtigen Arbeitsstoff, welcher noch der Erledigung harrt, beiseite stellen;
das bedeutsamste Stück desselben kann man als »Kastrationskomplex« (Penisangst beim Knaben,
Penisneid beim Mädchen) herausheben und im Zusammenhange mit dem Einfluß der
frühzeitigen Sexualeinschüchterung behandeln. Die psychoanalytische Untersuchung, welche uns
sonst die Schicksale der libidinösen Triebe verfolgen läßt, wenn diese, von den Ichtrieben
isoliert, sich in Opposition zu denselben befinden, gestattet uns auf diesem Gebiete Rückschlüsse
auf eine Epoche und eine psychische Situation, in welcher beiderlei Triebe noch einhellig
wirksam in untrennbarer Vermengung als narzißtische Interessen auftreten. A. Adler hat aus
diesem Zusammenhange seinen »männlichen Protest« geschöpft, den er zur fast alleinigen
Triebkraft der Charakter- wie der Neurosenbildung erhebt, während er ihn nicht auf eine
narzißtische, also immer noch libidinöse Strebung, sondern auf eine soziale Wertung begründet.
Vom Standpunkte der psychoanalytischen Forschung ist Existenz und Bedeutung des
»männlichen Protestes« von allem Anfang an anerkannt, seine narzißtische Natur und Herkunft
aus dem Kastrationskomplex aber gegen Adler vertreten worden. Er gehört der Charakterbildung
an, in deren Genese er nebst vielen anderen Faktoren eingeht, und ist zur Aufklärung der
Neurosenprobleme, an denen Adler nichts beachten will als die Art, wie sie dem Ichinteresse
dienen, völlig ungeeignet. Ich finde es ganz unmöglich, die Genese der Neurose auf die schmale
Basis des Kastrationskomplexes zu stellen, so mächtig dieser auch bei Männern unter den
Widerständen gegen die Heilung der Neurose hervortreten mag. Ich kenne endlich auch Fälle von
Neurosen, in denen der »männliche Protest« oder in unserem Sinne der Kastrationskomplex keine
pathogene Rolle spielt oder überhaupt nicht vorkommt.
Die Beobachtung des normalen Erwachsenen zeigt dessen einstigen Größenwahn gedämpft und
die psychischen Charaktere, aus denen wir seinen infantilen Narzißmus erschlossen haben,
verwischt. Was ist aus seiner Ichlibido geworden? Sollen wir annehmen, daß ihr ganzer Betrag in
Objektbesetzungen aufgegangen ist? Diese Möglichkeit widerspricht offenbar dem ganzen Zuge
unserer Erörterungen; wir können aber auch aus der Psychologie der Verdrängung einen Hinweis
auf eine andere Beantwortung der Frage entnehmen.
Wir haben gelernt, daß libidinöse Triebregungen dem Schicksal der pathogenen Verdrängung
unterliegen, wenn sie in Konflikt mit den kulturellen und ethischen Vorstellungen des
Individuums geraten. Unter dieser Bedingung wird niemals verstanden, daß die Person von der
Existenz dieser Vorstellungen eine bloß intellektuelle Kenntnis habe, sondern stets, daß sie
dieselben als maßgebend für sich anerkenne, sich den aus ihnen hervorgehenden Anforderungen
unterwerfe. Die Verdrängung, haben wir gesagt, geht vom Ich aus; wir könnten präzisieren: von
der Selbstachtung des Ichs. Dieselben Eindrücke, Erlebnisse, Impulse, Wunschregungen, welche
der eine Mensch in sich gewähren läßt oder wenigstens bewußt verarbeitet, werden vom anderen
in voller Empörung zurückgewiesen oder bereits vor ihrem Bewußtwerden erstickt. Der
Unterschied der beiden aber, welcher die Bedingung der Verdrängung enthält, läßt sich leicht in
Ausdrücke fassen, welche eine Bewältigung durch die Libidotheorie ermöglichen. Wir können
sagen, der eine habe ein Ideal in sich aufgerichtet, an welchem er sein aktuelles Ich mißt,
während dem anderen eine solche Idealbildung abgehe. Die Idealbildung wäre von Seiten des
Ichs die Bedingung der Verdrängung.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin