Page - 765 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wir haben oftmals die Forderung vertreten gehört, daß eine Wissenschaft über klaren und scharf
definierten Grundbegriffen aufgebaut sein soll. In Wirklichkeit beginnt keine Wissenschaft mit
solchen Definitionen, auch die exaktesten nicht. Der richtige Anfang der wissenschaftlichen
Tätigkeit besteht vielmehr in der Beschreibung von Erscheinungen, die dann weiterhin gruppiert,
angeordnet und in Zusammenhänge eingetragen werden. Schon bei der Beschreibung kann man
es nicht vermeiden, gewisse abstrakte Ideen auf das Material anzuwenden, die man irgendwoher,
gewiß nicht aus der neuen Erfahrung allein, herbeiholt. Noch unentbehrlicher sind solche Ideen –
die späteren Grundbegriffe der Wissenschaft – bei der weiteren Verarbeitung des Stoffes. Sie
müssen zunächst ein gewisses Maß von Unbestimmtheit an sich tragen; von einer klaren
Umzeichnung ihres Inhaltes kann keine Rede sein. Solange sie sich in diesem Zustande befinden,
verständigt man sich über ihre Bedeutung durch den wiederholten Hinweis auf das
Erfahrungsmaterial, dem sie entnommen scheinen, das aber in Wirklichkeit ihnen unterworfen
wird. Sie haben also strenge genommen den Charakter von Konventionen, wobei aber alles
darauf ankommt, daß sie doch nicht willkürlich gewählt werden, sondern durch bedeutsame
Beziehungen zum empirischen Stoffe bestimmt sind, die man zu erraten vermeint, noch ehe man
sie erkennen und nachweisen kann. Erst nach gründlicherer Erforschung des betreffenden
Erscheinungsgebietes kann man auch dessen wissenschaftliche Grundbegriffe schärfer erfassen
und sie fortschreitend so abändern, daß sie in großem Umfange brauchbar und dabei durchaus
widerspruchsfrei werden. Dann mag es auch an der Zeit sein, sie in Definitionen zu bannen. Der
Fortschritt der Erkenntnis duldet aber auch keine Starrheit der Definitionen. Wie das Beispiel der
Physik in glänzender Weise lehrt, erfahren auch die in Definitionen festgelegten »Grundbegriffe«
einen stetigen Inhaltswandel.
Ein solcher konventioneller, vorläufig noch ziemlich dunkler Grundbegriff, den wir aber in der
Psychologie nicht entbehren können, ist der des Triebes. Versuchen wir es, ihn von
verschiedenen Seiten her mit Inhalt zu erfüllen.
Zunächst von Seiten der Physiologie. Diese hat uns den Begriff des Reizes und das Reflexschema
gegeben, demzufolge ein von außen her an das lebende Gewebe (der Nervensubstanz) gebrachter
Reiz durch Aktion nach außen abgeführt wird. Diese Aktion wird dadurch zweckmäßig, daß sie
die gereizte Substanz der Einwirkung des Reizes entzieht, aus dem Bereich der Reizwirkung
entrückt.
Wie verhält sich nun der »Trieb« zum »Reiz«? Es hindert uns nichts, den Begriff des Triebes
unter den des Reizes zu subsumieren: der Trieb sei ein Reiz für das Psychische. Aber wir werden
sofort davor gewarnt, Trieb und psychischen Reiz gleichzusetzen. Es gibt offenbar für das
Psychische noch andere Reize als die Triebreize, solche, die sich den physiologischen Reizen
weit ähnlicher benehmen. Wenn z. B. ein starkes Licht auf das Auge fällt, so ist das kein
Triebreiz; wohl aber, wenn sich die Austrocknung der Schlundschleimhaut fühlbar macht oder
die Anätzung der Magenschleimhaut[15].
Wir haben nun Material für die Unterscheidung von Triebreiz und anderem (physiologischem)
Reiz, der auf das Seelische einwirkt, gewonnen. Erstens: Der Triebreiz stammt nicht aus der
Außenwelt, sondern aus dem Innern des Organismus selbst. Er wirkt darum auch anders auf das
Seelische und erfordert zu seiner Beseitigung andere Aktionen. Ferner: Alles für den Reiz
Wesentliche ist gegeben, wenn wir annehmen, er wirke wie ein einmaliger Stoß; er kann dann
auch durch eine einmalige zweckmäßige Aktion erledigt werden, als deren Typus die motorische
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin