Page - 773 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 773 -
Text of the Page - 773 -
aktionsfähige Muskulatur, direkt auf ein anderes Objekt, sei es auch am eigenen Körper, hin. Bei
den autoerotischen Trieben ist die Rolle der Organquelle so ausschlaggebend, daß nach einer
ansprechenden Vermutung von P. Federn (1913) und L. Jekels (1913) Form und Funktion des
Organs über die Aktivität und Passivität des Triebzieles entscheiden.
Die Verwandlung eines Triebes in sein (materielles) Gegenteil wird nur in einem Falle
beobachtet, bei der Umsetzung von Liebe in Haß. Da diese beiden besonders häufig gleichzeitig
auf dasselbe Objekt gerichtet vorkommen, ergibt diese Koexistenz auch das bedeutsamste
Beispiel einer Gefühlsambivalenz.
Der Fall von Liebe und Haß erwirbt ein besonderes Interesse durch den Umstand, daß er der
Einreihung in unsere Darstellung der Triebe widerstrebt. Man kann an der innigsten Beziehung
zwischen diesen beiden Gefühlsgegensätzen und dem Sexualleben nicht zweifeln, muß sich aber
natürlich dagegen sträuben, das Lieben etwa als einen besonderen Partialtrieb der Sexualität wie
die anderen aufzufassen. Man möchte eher das Lieben als den Ausdruck der ganzen
Sexualstrebung ansehen, kommt aber auch damit nicht zurecht und weiß nicht, wie man ein
materielles Gegenteil dieser Strebung verstehen soll.
Das Lieben ist nicht nur eines, sondern dreier Gegensätze fähig. Außer dem Gegensatz:
lieben–hassen gibt es den anderen: lieben–geliebt werden, und überdies setzen sich lieben und
hassen zusammengenommen dem Zustande der Indifferenz oder Gleichgültigkeit entgegen. Von
diesen drei Gegensätzen entspricht der zweite, der von lieben–geliebt werden, durchaus der
Wendung von der Aktivität zur Passivität und läßt auch die nämliche Zurückführung auf eine
Grundsituation wie beim Schautrieb zu. Diese heißt: sich selbst lieben, was für uns die
Charakteristik des Narzißmus ist. Je nachdem nun das Objekt oder das Subjekt gegen ein fremdes
vertauscht wird, ergibt sich die aktive Zielstrebung des Liebens oder die passive des
Geliebtwerdens, von denen die letztere dem Narzißmus nahe verbleibt.
Vielleicht kommt man dem Verständnis der mehrfachen Gegenteile des Liebens näher, wenn man
sich besinnt, daß das seelische Leben überhaupt von drei Polaritäten beherrscht wird, den
Gegensätzen von:
Subjekt (Ich)–Objekt (Außenwelt).
Lust–Unlust.
Aktiv–Passiv.
Der Gegensatz von Ich–Nicht-Ich (Außen), (Subjekt–Objekt), wird dem Einzelwesen, wie wir
bereits erwähnt haben, frühzeitig aufgedrängt durch die Erfahrung, daß es Außenreize durch
seine Muskelaktion zum Schweigen bringen kann, gegen Triebreize aber wehrlos ist. Er bleibt
vor allem in der intellektuellen Betätigung souverän und schafft die Grundsituation für die
Forschung, die durch kein Bemühen abgeändert werden kann. Die Polarität von Lust–Unlust
haftet an einer Empfindungsreihe, deren unübertroffene Bedeutung für die Entscheidung unserer
Aktionen (Wille) bereits betont worden ist. Der Gegensatz von Aktiv–Passiv ist nicht mit dem
von Ich-Subjekt–Außen-Objekt zu verwechseln. Das Ich verhält sich passiv gegen die
Außenwelt, insoweit es Reize von ihr empfängt, aktiv, wenn es auf dieselben reagiert. Zu ganz
besonderer Aktivität gegen die Außenwelt wird es durch seine Triebe gezwungen, so daß man
unter Hervorhebung des Wesentlichen sagen könnte: Das Ich-Subjekt sei passiv gegen die
773
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin