Page - 775 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zusammenfällt.
Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar Liebe–Indifferenz die Polarität
Ich–Außenwelt spiegelt, so reproduziert der zweite Gegensatz Liebe–Haß die mit der ersteren
verknüpfte Polarität von Lust–Unlust. Nach der Ablösung der rein narzißtischen Stufe durch die
Objektstufe bedeuten Lust und Unlust Relationen des Ichs zum Objekt. Wenn das Objekt die
Quelle von Lustempfindungen wird, so stellt sich eine motorische Tendenz heraus, welche
dasselbe dem Ich annähern, ins Ich einverleiben will; wir sprechen dann auch von der
»Anziehung«, die das lustspendende Objekt ausübt, und sagen, daß wir das Objekt »lieben«.
Umgekehrt, wenn das Objekt Quelle von Unlustempfindungen ist, bestrebt sich eine Tendenz, die
Distanz zwischen ihm und dem Ich zu vergrößern, den ursprünglichen Fluchtversuch vor der
reizausschickenden Außenwelt an ihm zu wiederholen. Wir empfinden die »Abstoßung« des
Objekts und hassen es; dieser Haß kann sich dann zur Aggressionsneigung gegen das Objekt, zur
Absicht, es zu vernichten, steigern.
Man könnte zur Not von einem Trieb aussagen, daß er das Objekt »liebt«, nach dem er zu seiner
Befriedigung strebt. Daß ein Trieb ein Objekt »haßt«, klingt uns aber befremdend, so daß wir
aufmerksam werden, die Beziehungen Liebe und Haß seien nicht für die Relationen der Triebe zu
ihren Objekten verwendbar, sondern für die Relation des Gesamt-Ichs zu den Objekten reserviert.
Die Beobachtung des gewiß sinnvollen Sprachgebrauches zeigt uns aber eine weitere
Einschränkung in der Bedeutung von Liebe und Haß. Von den Objekten, welche der Icherhaltung
dienen, sagt man nicht aus, daß man sie liebt, sondern betont, daß man ihrer bedarf, und gibt etwa
einem Zusatz von andersartiger Relation Ausdruck, indem man Worte gebraucht, die ein sehr
abgeschwächtes Lieben andeuten, wie: gerne haben, gerne sehen, angenehm finden.
Das Wort »lieben« rückt also immer mehr in die Sphäre der reinen Lustbeziehung des Ichs zum
Objekt und fixiert sich schließlich an die Sexualobjekte im engeren Sinne und an solche Objekte,
welche die Bedürfnisse sublimierter Sexualtriebe befriedigen. Die Scheidung der Ichtriebe von
den Sexualtrieben, welche wir unserer Psychologie aufgedrängt haben, erweist sich so als
konform mit dem Geiste unserer Sprache. Wenn wir nicht gewohnt sind zu sagen, der einzelne
Sexualtrieb liebe sein Objekt, aber die adäquateste Verwendung des Wortes »lieben« in der
Beziehung des Ichs zu seinem Sexualobjekt finden, so lehrt uns diese Beobachtung, daß dessen
Verwendbarkeit in dieser Relation erst mit der Synthese aller Partialtriebe der Sexualität unter
dem Primat der Genitalien und im Dienste der Fortpflanzungsfunktion beginnt.
Es ist bemerkenswert, daß im Gebrauche des Wortes »hassen« keine so innige Beziehung zur
Sexuallust und Sexualfunktion zum Vorschein kommt, sondern die Unlustrelation die einzig
entscheidende scheint. Das Ich haßt, verabscheut, verfolgt mit Zerstörungsabsichten alle Objekte,
die ihm zur Quelle von Unlustempfindungen werden, gleichgültig ob sie ihm eine Versagung
sexueller Befriedigung oder der Befriedigung von Erhaltungsbedürfnissen bedeuten. Ja, man
kann behaupten, daß die richtigen Vorbilder für die Haßrelation nicht aus dem Sexualleben,
sondern aus dem Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung stammen.
Liebe und Haß, die sich uns als volle materielle Gegensätze vorstellen, stehen also doch in keiner
einfachen Beziehung zueinander. Sie sind nicht aus der Spaltung eines Urgemeinsamen
hervorgegangen, sondern haben verschiedene Ursprünge und haben ein jedes seine eigene
Entwicklung durchgemacht, bevor sie sich unter dem Einfluß der Lust-Unlustrelation zu
Gegensätzen formiert haben. Es erwächst uns hier die Aufgabe zusammenzustellen, was wir von
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin