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Diese Auffassung der Verdrängung würde durch die Annahme ergänzt werden, daß vor solcher
Stufe der seelischen Organisation die anderen Triebschicksale, wie die Verwandlung ins
Gegenteil, die Wendung gegen die eigene Person, die Aufgabe der Abwehr von Triebregungen
bewältigen.
Wir meinen jetzt auch, Verdrängung und Unbewußtes seien in so großem Ausmaße korrelativ,
daß wir die Vertiefung in das Wesen der Verdrängung aufschieben müssen, bis wir mehr von
dem Aufbau des psychischen Instanzenzuges und der Differenzierung von Unbewußt und
Bewußt erfahren haben. Vorher können wir nur noch einige klinisch erkannte Charaktere der
Verdrängung in rein deskriptiver Weise zusammenstellen, auf die Gefahr hin, vieles anderwärts
Gesagte ungeändert zu wiederholen.
Wir haben also Grund, eine Urverdrängung anzunehmen, eine erste Phase der Verdrängung, die
darin besteht, daß der psychischen (Vorstellungs-)Repräsentanz des Triebes die Übernahme ins
Bewußte versagt wird. Mit dieser ist eine Fixierung gegeben; die betreffende Repräsentanz bleibt
von da an unveränderlich bestehen und der Trieb an sie gebunden. Dies geschieht infolge der
später zu besprechenden Eigenschaften unbewußter Vorgänge.
Die zweite Stufe der Verdrängung, die eigentliche Verdrängung, betrifft psychische
Abkömmlinge der verdrängten Repräsentanz oder solche Gedankenzüge, die, anderswoher
stammend, in assoziative Beziehung zu ihr geraten sind. Wegen dieser Beziehung erfahren diese
Vorstellungen dasselbe Schicksal wie das Urverdrängte. Die eigentliche Verdrängung ist also ein
Nachdrängen. Man tut übrigens unrecht, wenn man nur die Abstoßung hervorhebt, die vom
Bewußten her auf das zu Verdrängende wirkt. Es kommt ebensosehr die Anziehung in Betracht,
welche das Urverdrängte auf alles ausübt, womit es sich in Verbindung setzen kann.
Wahrscheinlich würde die Verdrängungstendenz ihre Absicht nicht erreichen, wenn diese Kräfte
nicht zusammenwirkten, wenn es nicht ein vorher Verdrängtes gäbe, welches das vom Bewußten
Abgestoßene aufzunehmen bereit wäre.
Unter dem Einfluß des Studiums der Psychoneurosen, welches uns die bedeutsamen Wirkungen
der Verdrängung vorführt, werden wir geneigt, deren psychologischen Inhalt zu überschätzen,
und vergessen zu leicht, daß die Verdrängung die Triebrepräsentanz nicht daran hindert, im
Unbewußten fortzubestehen, sich weiter zu organisieren, Abkömmlinge zu bilden und
Verbindungen anzuknüpfen. Die Verdrängung stört wirklich nur die Beziehung zu einem
psychischen System, dem des Bewußten.
Die Psychoanalyse kann uns noch anderes zeigen, was für das Verständnis der Wirkungen der
Verdrängung bei den Psychoneurosen bedeutsam ist. Z.
B., daß die Triebrepräsentanz sich
ungestörter und reichhaltiger entwickelt, wenn sie durch die Verdrängung dem bewußten Einfluß
entzogen ist. Sie wuchert dann sozusagen im Dunkeln und findet extreme Ausdrucksformen,
welche, wenn sie dem Neurotiker übersetzt und vorgehalten werden, ihm nicht nur fremd
erscheinen müssen, sondern ihn auch durch die Vorspiegelung einer außerordentlichen und
gefährlichen Triebstärke schrecken. Diese täuschende Triebstärke ist das Ergebnis einer
ungehemmten Entfaltung in der Phantasie und der Aufstauung infolge versagter Befriedigung.
Daß dieser letztere Erfolg an die Verdrängung geknüpft ist, weist darauf hin, worin wir ihre
eigentliche Bedeutung zu suchen haben.
Indem wir aber noch zur Gegenansicht zurückkehren, stellen wir fest, es sei nicht einmal richtig,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin