Page - 789 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Seelenlebens als unbewußte seelische oder als physische auffassen soll, auf einen Wortstreit
hinauszulaufen droht. Es ist darum ratsam, das in den Vordergrund zu rücken, was uns von der
Natur dieser fraglichen Zustände mit Sicherheit bekannt ist. Nun sind sie uns nach ihren
physischen Charakteren vollkommen unzugänglich; keine physiologische Vorstellung, kein
chemischer Prozeß kann uns eine Ahnung von ihrem Wesen vermitteln. Auf der anderen Seite
steht fest, daß sie mit den bewußten seelischen Vorgängen die ausgiebigste Berührung haben; sie
lassen sich mit einer gewissen Arbeitsleistung in sie umsetzen, durch sie ersetzen, und sie können
mit all den Kategorien beschrieben werden, die wir auf die bewußten Seelenakte anwenden, als
Vorstellungen, Strebungen, Entschließungen u. dgl. Ja, von manchen dieser latenten Zustände
müssen wir aussagen, sie unterscheiden sich von den bewußten eben nur durch den Wegfall des
Bewußtseins. Wir werden also nicht zögern, sie als Objekte psychologischer Forschung und in
innigstem Zusammenhang mit den bewußten seelischen Akten zu behandeln.
Die hartnäckige Ablehnung des psychischen Charakters der latenten seelischen Akte erklärt sich
daraus, daß die meisten der in Betracht kommenden Phänomene außerhalb der Psychoanalyse
nicht Gegenstand des Studiums geworden sind. Wer die pathologischen Tatsachen nicht kennt,
die Fehlhandlungen der Normalen als Zufälligkeiten gelten läßt und sich bei der alten Weisheit
bescheidet, Träume seien Schäume, der braucht dann nur noch einige Rätsel der
Bewußtseinspsychologie zu vernachlässigen, um sich die Annahme unbewußter seelischer
Tätigkeit zu ersparen. Übrigens haben die hypnotischen Experimente, besonders die
posthypnotische Suggestion, Existenz und Wirkungsweise des seelisch Unbewußten bereits vor
der Zeit der Psychoanalyse sinnfällig demonstriert.
Die Annahme des Unbewußten ist aber auch eine völlig legitime, insofern wir bei ihrer
Aufstellung keinen Schritt von unserer gewohnten, für korrekt gehaltenen Denkweise abweichen.
Das Bewußtsein vermittelt jedem einzelnen von uns nur die Kenntnis von eigenen
Seelenzuständen; daß auch ein anderer Mensch ein Bewußtsein hat, ist ein Schluß, der per
analogiam auf Grund der wahrnehmbaren Äußerungen und Handlungen dieses anderen gezogen
wird, um uns dieses Benehmen des anderen verständlich zu machen. (Psychologisch richtiger ist
wohl die Beschreibung, daß wir ohne besondere Überlegung jedem anderen außer uns unsere
eigene Konstitution, und also auch unser Bewußtsein, beilegen und daß diese Identifizierung die
Voraussetzung unseres Verständnisses ist.) Dieser Schluß – oder diese Identifizierung – wurde
einst vom Ich auf andere Menschen, Tiere, Pflanzen, Unbelebtes und auf das Ganze der Welt
ausgedehnt und erwies sich als brauchbar, solange die Ähnlichkeit mit dem Einzel-Ich eine
überwältigend große war, wurde aber in dem Maße unverläßlicher, als sich das andere vom Ich
entfernte. Unsere heutige Kritik wird bereits beim Bewußtsein der Tiere unsicher, verweigert sich
dem Bewußtsein der Pflanzen und weist die Annahme eines Bewußtseins des Unbelebten der
Mystik zu. Aber auch, wo die ursprüngliche Identifizierungsneigung die kritische Prüfung
bestanden hat, bei dem uns nächsten menschlichen anderen, ruht die Annahme eines Bewußtseins
auf einem Schluß und kann nicht die unmittelbare Sicherheit unseres eigenen Bewußtseins teilen.
Die Psychoanalyse fordert nun nichts anderes, als daß dieses Schlußverfahren auch gegen die
eigene Person gewendet werde, wozu eine konstitutionelle Neigung allerdings nicht besteht. Geht
man so vor, so muß man sagen, alle die Akte und Äußerungen, die ich an mir bemerke und mit
meinem sonstigen psychischen Leben nicht zu verknüpfen weiß, müssen beurteilt werden, als ob
sie einer anderen Person angehörten, und sollen durch ein ihr zugeschriebenes Seelenleben
Aufklärung finden. Die Erfahrung zeigt auch, daß man dieselben Akte, denen man bei der
eigenen Person die psychische Anerkennung verweigert, bei anderen sehr wohl zu deuten, d. h. in
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin