Page - 790 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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den seelischen Zusammenhang einzureihen versteht. Unsere Forschung wird hier offenbar durch
ein besonderes Hindernis von der eigenen Person abgelenkt und an deren richtiger Erkenntnis
behindert.
Dies trotz inneren Widerstrebens gegen die eigene Person gewendete Schlußverfahren führt nun
nicht zur Aufdeckung eines Unbewußten, sondern korrekterweise zur Annahme eines anderen,
zweiten Bewußtseins, welches mit dem mir bekannten in meiner Person vereinigt ist. Allein hier
findet die Kritik berechtigten Anlaß, einiges einzuwerfen. Erstens ist ein Bewußtsein, von dem
der eigene Träger nichts weiß, noch etwas anderes als ein fremdes Bewußtsein, und es wird
fraglich, ob ein solches Bewußtsein, dem der wichtigste Charakter abgeht, überhaupt noch
Diskussion verdient. Wer sich gegen die Annahme eines unbewußten Psychischen gesträubt hat,
der wird nicht zufrieden sein können, dafür ein unbewußtes Bewußtsein einzutauschen. Zweitens
weist die Analyse darauf hin, daß die einzelnen latenten Seelenvorgänge, die wir erschließen,
sich eines hohen Grades von gegenseitiger Unabhängigkeit erfreuen, so als ob sie miteinander
nicht in Verbindung stünden und nichts voneinander wüßten. Wir müssen also bereit sein, nicht
nur ein zweites Bewußtsein in uns anzunehmen, sondern auch ein drittes, viertes, vielleicht eine
unabschließbare Reihe von Bewußtseinszuständen, die sämtlich uns und miteinander unbekannt
sind. Drittens kommt als schwerstes Argument in Betracht, daß wir durch die analytische
Untersuchung erfahren, ein Teil dieser latenten Vorgänge besitze Charaktere und
Eigentümlichkeiten, welche uns fremd, selbst unglaublich erscheinen und den uns bekannten
Eigenschaften des Bewußtseins direkt zuwiderlaufen. Somit werden wir Grund haben, den gegen
die eigene Person gewendeten Schluß dahin abzuändern, er beweise uns nicht ein zweites
Bewußtsein in uns, sondern die Existenz von psychischen Akten, welche des Bewußtseins
entbehren. Wir werden auch die Bezeichnung eines »Unterbewußtseins« als inkorrekt und
irreführend ablehnen dürfen. Die bekannten Fälle von » double conscience«
(Bewußtseinsspaltung) beweisen nichts gegen unsere Auffassung. Sie lassen sich am
zutreffendsten beschreiben als Fälle von Spaltung der seelischen Tätigkeiten in zwei Gruppen,
wobei sich dann das nämliche Bewußtsein alternierend dem einen oder dem anderen Lager
zuwendet.
Es bleibt uns in der Psychoanalyse gar nichts anderes übrig, als die seelischen Vorgänge für an
sich unbewußt zu erklären und ihre Wahrnehmung durch das Bewußtsein mit der Wahrnehmung
der Außenwelt durch die Sinnesorgane zu vergleichen. Wir hoffen sogar aus diesem Vergleich
einen Gewinn für unsere Erkenntnis zu ziehen. Die psychoanalytische Annahme der unbewußten
Seelentätigkeit erscheint uns einerseits als eine weitere Fortbildung des primitiven Animismus,
der uns überall Ebenbilder unseres Bewußtseins vorspiegelte, und anderseits als die Fortsetzung
der Korrektur, die Kant an unserer Auffassung der äußeren Wahrnehmung vorgenommen hat.
Wie Kant uns gewarnt hat, die subjektive Bedingtheit unserer Wahrnehmung nicht zu übersehen
und unsere Wahrnehmung nicht für identisch mit dem unerkennbaren Wahrgenommenen zu
halten, so mahnt die Psychoanalyse, die Bewußtseinswahrnehmung nicht an die Stelle des
unbewußten psychischen Vorganges zu setzen, welcher ihr Objekt ist. Wie das Physische, so
braucht auch das Psychische nicht in Wirklichkeit so zu sein, wie es uns erscheint. Wir werden
uns aber mit Befriedigung auf die Erfahrung vorbereiten, daß die Korrektur der inneren
Wahrnehmung nicht ebenso große Schwierigkeit bietet wie die der äußeren, daß das innere
Objekt minder unerkennbar ist als die Außenwelt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin