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IV. Topik und Dynamik der Verdrängung
Wir haben das Resultat erhalten, daß die Verdrängung im wesentlichen ein Vorgang ist, der sich
an Vorstellungen an der Grenze der Systeme Ubw und Vbw (Bw) vollzieht, und können nun einen
neuerlichen Versuch machen, diesen Vorgang eingehender zu beschreiben. Es muß sich dabei um
eine Entziehung von Besetzung handeln, aber es fragt sich, in welchem System findet die
Entziehung statt, und welchem System gehört die entzogene Besetzung an.
Die verdrängte Vorstellung bleibt im Ubw aktionsfähig; sie muß also ihre Besetzung behalten
haben. Das Entzogene muß etwas anderes sein. Nehmen wir den Fall der eigentlichen
Verdrängung vor (des Nachdrängens), wie sie sich an der vorbewußten oder selbst bereits
bewußten Vorstellung abspielt, dann kann die Verdrängung nur darin bestehen, daß der
Vorstellung die (vor)bewußte Besetzung entzogen wird, die dem System Vbw angehört. Die
Vorstellung bleibt dann unbesetzt, oder sie erhält Besetzung vom Ubw her, oder sie behält die
ubw Besetzung, die sie schon früher hatte. Also Entziehung der vorbewußten, Erhaltung der
unbewußten Besetzung oder Ersatz der vorbewußten Besetzung durch eine unbewußte. Wir
bemerken übrigens, daß wir dieser Betrachtung wie unabsichtlich die Annahme zugrunde gelegt
haben, der Übergang aus dem System Ubw in ein nächstes geschehe nicht durch eine neue
Niederschrift, sondern durch eine Zustandsänderung, einen Wandel in der Besetzung. Die
funktionale Annahme hat hier die topische mit leichter Mühe aus dem Felde geschlagen.
Dieser Vorgang der Libidoentziehung reicht aber nicht aus, um einen anderen Charakter der
Verdrängung begreiflich zu machen. Es ist nicht einzusehen, warum die besetzt gebliebene oder
vom Ubw her mit Besetzung versehene Vorstellung nicht den Versuch erneuern sollte, kraft ihrer
Besetzung in das System Vbw einzudringen. Dann müßte sich die Libidoentziehung an ihr
wiederholen, und dasselbe Spiel würde sich unabgeschlossen fortsetzen, das Ergebnis aber nicht
das der Verdrängung sein. Ebenso würde der besprochene Mechanismus der Entziehung
vorbewußter Besetzung versagen, wenn es sich um die Darstellung der Urverdrängung handelt; in
diesem Falle liegt ja eine unbewußte Vorstellung vor, die noch keine Besetzung vom Vbw
erhalten hat, der eine solche also auch nicht entzogen werden kann.
Wir bedürfen also hier eines anderen Vorganges, welcher im ersten Falle die Verdrängung
unterhält, im zweiten ihre Herstellung und Fortdauer besorgt, und können diesen nur in der
Annahme einer Gegenbesetzung finden, durch welche sich das System Vbw gegen das Andrängen
der unbewußten Vorstellung schützt. Wie sich eine solche Gegenbesetzung, die im System Vbw
vor sich geht, äußert, werden wir an klinischen Beispielen sehen. Sie ist es, welche den
Daueraufwand einer Urverdrängung repräsentiert, aber auch deren Dauerhaftigkeit verbürgt. Die
Gegenbesetzung ist der alleinige Mechanismus der Urverdrängung; bei der eigentlichen
Verdrängung (dem Nachdrängen) kommt die Entziehung der vbw Besetzung hinzu. Es ist sehr
wohl möglich, daß gerade die der Vorstellung entzogene Besetzung zur Gegenbesetzung
verwendet wird.
Wir merken, wie wir allmählich dazu gekommen sind, in der Darstellung psychischer Phänomene
einen dritten Gesichtspunkt zur Geltung zu bringen, außer dem dynamischen und dem topischen
den ökonomischen, der die Schicksale der Erregungsgrößen zu verfolgen und eine wenigstens
relative Schätzung derselben zu gewinnen strebt. Wir werden es nicht unbillig finden, die
Betrachtungsweise, welche die Vollendung der psychoanalytischen Forschung ist, durch einen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin