Page - 804 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 804 -
Text of the Page - 804 -
Wenden wir uns zum Verkehr des Ubw mit den anderen Systemen, weniger um Neues
festzustellen, als um nicht das Sinnfälligste zu übergehen. An den Wurzeln der Triebtätigkeit
kommunizieren die Systeme aufs ausgiebigste miteinander. Ein Anteil der hier erregten
Vorgänge geht durch das Ubw wie durch eine Vorbereitungsstufe durch und erreicht die höchste
psychische Ausbildung im Bw, ein anderer wird als Ubw zurückgehalten. Das Ubw wird aber
auch von den aus der äußeren Wahrnehmung stammenden Erlebnissen getroffen. Alle Wege von
der Wahrnehmung zum Ubw bleiben in der Norm frei; erst die vom Ubw weiterführenden Wege
unterliegen der Sperrung durch die Verdrängung.
Es ist sehr bemerkenswert, daß das Ubw eines Menschen mit Umgehung des Bw auf das Ubw
eines anderen reagieren kann. Die Tatsache verdient eingehendere Untersuchung, besonders nach
der Richtung, ob sich vorbewußte Tätigkeit dabei ausschließen läßt, ist aber als Beschreibung
unbestreitbar.
Der Inhalt des Systems Vbw (oder Bw) entstammt zu einem Teile dem Triebleben (durch
Vermittlung des Ubw), zum anderen Teile der Wahrnehmung. Es ist zweifelhaft, inwieweit die
Vorgänge dieses Systems eine direkte Einwirkung auf das Ubw äußern können; die Erforschung
pathologischer Fälle zeigt oft eine kaum glaubliche Selbständigkeit und Unbeeinflußbarkeit des
Ubw. Ein völliges Auseinandergehen der Strebungen, ein absoluter Zerfall der beiden Systeme,
ist überhaupt die Charakteristik des Krankseins. Allein die psychoanalytische Kur ist auf die
Beeinflussung des Ubw vom Bw her gebaut und zeigt jedenfalls, daß solche, wiewohl mühsam,
nicht unmöglich ist. Die zwischen beiden Systemen vermittelnden Abkömmlinge des Ubw
bahnen uns, wie schon erwähnt, den Weg zu dieser Leistung. Wir dürfen aber wohl annehmen,
daß die spontan erfolgende Veränderung des Ubw von Seiten des Bw ein schwieriger und
langsam verlaufender Prozeß ist.
Eine Kooperation zwischen einer vorbewußten und einer unbewußten, selbst intensiv verdrängten
Regung kann zustande kommen, wenn es die Situation ergibt, daß die unbewußte Regung
gleichsinnig mit einer der herrschenden Strebungen wirken kann. Die Verdrängung wird für
diesen Fall aufgehoben, die verdrängte Aktivität als Verstärkung der vom Ich beabsichtigten
zugelassen. Das Unbewußte wird für diese eine Konstellation ichgerecht, ohne daß sonst an
seiner Verdrängung etwas abgeändert würde. Der Erfolg des Ubw ist bei dieser Kooperation
unverkennbar; die verstärkten Strebungen benehmen sich doch anders als die normalen, sie
befähigen zu besonders vollkommener Leistung, und sie zeigen gegen Widersprüche eine
ähnliche Resistenz wie etwa die Zwangssymptome.
Den Inhalt des Ubw kann man einer psychischen Urbevölkerung vergleichen. Wenn es beim
Menschen ererbte psychische Bildungen, etwas dem Instinkt der Tiere Analoges gibt, so macht
dies den Kern des Ubw aus. Dazu kommt später das während der Kindheitsentwicklung als
unbrauchbar Beseitigte hinzu, was seiner Natur nach von dem Ererbten nicht verschieden zu sein
braucht. Eine scharfe und endgültige Scheidung des Inhaltes der beiden Systeme stellt sich in der
Regel erst mit dem Zeitpunkte der Pubertät her.
[◀]
804
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin