Page - 806 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 806 -
Text of the Page - 806 -
gleichen, doch die Beziehung zwischen dem Ersatz und dem Verdrängten Eigentümlichkeiten
zeigt, welche uns bei den beiden genannten Neurosen befremden würden.
Herr Dr. V. Tausk (Wien) hat mir einige seiner Beobachtungen bei beginnender Schizophrenie
zur Verfügung gestellt, die durch den Vorzug ausgezeichnet sind, daß die Kranke selbst noch die
Aufklärung ihrer Reden geben wollte. Ich will nun an zweien seiner Beispiele zeigen, welche
Auffassung ich zu vertreten beabsichtige, zweifle übrigens nicht daran, daß es jedem Beobachter
leicht sein würde, solches Material in Fülle vorzubringen.
Eine der Kranken Tausks, ein Mädchen, das nach einem Zwist mit ihrem Geliebten auf die Klinik
gebracht wurde, klagt:
Die Augen sind nicht richtig, sie sind verdreht. Das erläutert sie selbst, indem sie in geordneter
Sprache eine Reihe von Vorwürfen gegen den Geliebten vorbringt. »Sie kann ihn gar nicht
verstehen, er sieht jedesmal anders aus, er ist ein Heuchler, ein Augenverdreher, er hat ihr die
Augen verdreht, jetzt hat sie verdrehte Augen, es sind nicht mehr ihre Augen, sie sieht die Welt
jetzt mit anderen Augen.«
Die Äußerungen der Kranken zu ihrer unverständlichen Rede haben den Wert einer Analyse, da
sie deren Äquivalent in allgemein verständlicher Ausdrucksweise enthalten; sie geben
gleichzeitig Aufschluß über Bedeutung und über Genese der schizophrenen Wortbildung. In
Übereinstimmung mit Tausk hebe ich aus diesem Beispiel hervor, daß die Beziehung zum Organ
(zum Auge) sich zur Vertretung des ganzen Inhaltes aufgeworfen hat. Die schizophrene Rede hat
hier einen hypochondrischen Zug, sie ist Organsprache geworden.
Eine zweite Mitteilung derselben Kranken: »Sie steht in der Kirche, plötzlich gibt es ihr einen
Ruck, sie muß sich anders stellen, als stellte sie jemand, als würde sie gestellt.«
Dazu die Analyse durch eine neue Reihe von Vorwürfen gegen den Geliebten, »der ordinär ist,
der sie, die vom Hause aus fein war, auch ordinär gemacht hat. Er hat sie sich ähnlich gemacht,
indem er sie glauben machte, er sei ihr überlegen; nun sei sie so geworden, wie er ist, weil sie
glaubte, sie werde besser sein, wenn sie ihm gleich werde. Er hat sich verstellt, sie ist jetzt so wie
er (Identifizierung!), er hat sie verstellt.«
Die Bewegung des »Sich-anders-Stellen«, bemerkt Tausk, ist eine Darstellung des Wortes
»verstellen« und der Identifizierung mit dem Geliebten. Ich hebe wiederum die Prävalenz jenes
Elements des ganzen Gedankenganges hervor, welches eine körperliche Innervation (vielmehr
deren Empfindung) zum Inhalt hat. Eine Hysterika hätte übrigens im ersten Falle krampfhaft die
Augen verdreht, im zweiten den Ruck wirklich ausgeführt, anstatt den Impuls dazu oder die
Sensation davon zu verspüren, und in beiden Fällen hätte sie keinen bewußten Gedanken dabei
gehabt und wäre auch nachträglich nicht imstande gewesen, solche zu äußern.
Soweit zeugen diese beiden Beobachtungen für das, was wir hypochondrische oder Organsprache
genannt haben. Sie mahnen aber auch, was uns wichtiger erscheint, an einen anderen Sachverhalt,
der sich beliebig oft z.
B. an den in Bleulers Monographie gesammelten Beispielen nachweisen
und in eine bestimmte Formel fassen läßt. Bei der Schizophrenie werden die Worte demselben
Prozeß unterworfen, der aus den latenten Traumgedanken die Traumbilder macht, den wir den
psychischen Primärvorgang geheißen haben. Sie werden verdichtet und übertragen einander ihre
Besetzungen restlos durch Verschiebung; der Prozeß kann so weit gehen, daß ein einziges, durch
806
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin