Page - 809 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wie vieles gründlicher und tiefgreifender dieser Fluchtversuch, diese Flucht des Ichs bei den
narzißtischen Neurosen ins Werk gesetzt wird, lehrt die oberflächlichste Überlegung.
Wenn diese Flucht bei der Schizophrenie in der Einziehung der Triebbesetzung von den Stellen
besteht, welche die unbewußte Objektvorstellung repräsentieren, so mag es befremdlich
erscheinen, daß der dem System Vbw angehörige Teil derselben Objektvorstellung – die ihr
entsprechenden Wortvorstellungen – vielmehr eine intensivere Besetzung erfahren sollen. Man
könnte eher erwarten, daß die Wortvorstellung als der vorbewußte Anteil den ersten Stoß der
Verdrängung auszuhalten hat und daß sie ganz und gar unbesetzbar wird, nachdem sich die
Verdrängung bis zu den unbewußten Sachvorstellungen fortgesetzt hat. Dies ist allerdings eine
Schwierigkeit des Verständnisses. Es ergibt sich die Auskunft, daß die Besetzung der
Wortvorstellung nicht zum Verdrängungsakt gehört, sondern den ersten der Herstellungs- oder
Heilungsversuche darstellt, welche das klinische Bild der Schizophrenie so auffällig beherrschen.
Diese Bemühungen wollen die verlorenen Objekte wiedergewinnen, und es mag wohl sein, daß
sie in dieser Absicht den Weg zum Objekt über den Wortanteil desselben einschlagen, wobei sie
sich aber dann mit den Worten an Stelle der Dinge begnügen müssen. Unsere seelische Tätigkeit
bewegt sich ja ganz allgemein in zwei entgegengesetzten Verlaufsrichtungen, entweder von den
Trieben her durch das System Ubw zur bewußten Denkarbeit oder auf Anregung von außen durch
das System des Bw und Vbw bis zu den ubw Besetzungen des Ichs und der Objekte. Dieser zweite
Weg muß trotz der vorgefallenen Verdrängung passierbar bleiben und steht den Bemühungen der
Neurose, ihre Objekte wiederzugewinnen, ein Stück weit offen. Wenn wir abstrakt denken, sind
wir in Gefahr, die Beziehungen der Worte zu den unbewußten Sachvorstellungen zu
vernachlässigen, und es ist nicht zu leugnen, daß unser Philosophieren dann eine unerwünschte
Ähnlichkeit in Ausdruck und Inhalt mit der Arbeitsweise der Schizophrenen gewinnt. Anderseits
kann man von der Denkweise der Schizophrenen die Charakteristik versuchen, sie behandeln
konkrete Dinge, als ob sie abstrakte wären.
Wenn wir wirklich das Ubw agnosziert und den Unterschied einer unbewußten Vorstellung von
einer vorbewußten richtig bestimmt haben, so werden unsere Untersuchungen von vielen anderen
Stellen her zu dieser Einsicht zurückführen müssen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin