Page - 813 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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herzustellen. Das kann nur teilweise gelingen, denn das Verdrängte des Systems Ubw folgt dem
Schlafwunsche nicht. Es muß also auch ein Teil der Gegenbesetzungen aufrechterhalten werden
und die Zensur zwischen Ubw und Vbw, wenngleich nicht in voller Stärke, verbleiben. Soweit die
Herrschaft des Ichs reicht, sind alle Systeme von Besetzungen entleert. Je stärker die ubw
Triebbesetzungen sind, desto labiler ist der Schlaf. Wir kennen auch den extremen Fall, daß das
Ich den Schlafwunsch aufgibt, weil es sich unfähig fühlt, die während des Schlafes frei
gewordenen verdrängten Regungen zu hemmen, mit anderen Worten, daß es auf den Schlaf
verzichtet, weil es sich vor seinen Träumen fürchtet.
Wir werden später die Annahme von der Widersetzlichkeit der verdrängten Regungen als eine
folgenschwere schätzen lernen. Verfolgen wir nun die Situation der Traumbildung weiter.
Als zweiten Einbruch in den Narzißmus müssen wir die vorhin erwähnte Möglichkeit würdigen,
daß auch einige der vorbewußten Tagesgedanken sich resistent erweisen und einen Teil ihrer
Besetzung festhalten. Die beiden Fälle können im Grunde identisch sein; die Resistenz der
Tagesreste mag sich auf die bereits im Wachleben bestehende Verknüpfung mit unbewußten
Regungen zurückführen, oder es geht etwas weniger einfach zu, und die nicht ganz entleerten
Tagesreste setzen sich erst im Schlafzustand, dank der erleichterten Kommunikation zwischen
Vbw und Ubw, mit dem Verdrängten in Beziehung. In beiden Fällen erfolgt nun der nämliche
entscheidende Fortschritt der Traumbildung: Es wird der vorbewußte Traumwunsch geformt,
welcher der unbewußten Regung Ausdruck gibt in dem Material der vorbewußten Tagesreste.
Diesen Traumwunsch sollte man von den Tagesresten scharf unterscheiden; er muß im
Wachleben nicht bestanden haben, er kann bereits den irrationalen Charakter zeigen, den alles
Unbewußte an sich trägt, wenn man es ins Bewußte übersetzt. Der Traumwunsch darf auch nicht
mit den Wunschregungen verwechselt werden, die sich möglicherweise, aber gewiß nicht
notwendigerweise, unter den vorbewußten (latenten) Traumgedanken befunden haben. Hat es
aber solche vorbewußte Wünsche gegeben, so gesellt sich ihnen der Traumwunsch als
wirksamste Verstärkung hinzu.
Es handelt sich nun um die weiteren Schicksale dieser in ihrem Wesen einen unbewußten
Triebanspruch vertretenden Wunschregung, die sich im Vbw als Traumwunsch
(wunscherfüllende Phantasie) gebildet hat. Sie könnte ihre Erledigung auf drei verschiedenen
Wegen finden, sagt uns die Überlegung. Entweder auf dem Wege, der im Wachleben der normale
wäre, aus dem Vbw zum Bewußtsein drängen oder sich mit Umgehung des Bw direkte motorische
Abfuhr schaffen, oder den unvermuteten Weg nehmen, den uns die Beobachtung wirklich
verfolgen läßt. Im ersteren Falle würde sie zu einer Wahnidee mit dem Inhalt der
Wunscherfüllung, aber das geschieht im Schlafzustande nie. (Mit den metapsychologischen
Bedingungen der seelischen Prozesse so wenig vertraut, können wir aus dieser Tatsache vielleicht
den Wink entnehmen, daß die völlige Entleerung eines Systems es für Anregungen wenig
ansprechbar macht.) Der zweite Fall, die direkte motorische Abfuhr, sollte durch das nämliche
Prinzip ausgeschlossen sein, denn der Zugang zur Motilität liegt normalerweise noch ein Stück
weiter weg von der Bewußtseinszensur, aber er kommt ausnahmsweise als Somnambulismus zur
Beobachtung. Wir wissen nicht, welche Bedingungen dies ermöglichen und warum er sich nicht
häufiger ereignet. Was bei der Traumbildung wirklich geschieht, ist eine sehr merkwürdige und
ganz unvorhergesehene Entscheidung. Der im Vbw angesponnene und durch das Ubw verstärkte
Vorgang nimmt einen rückläufigen Weg durch das Ubw zu der dem Bewußtsein sich
aufdrängenden Wahrnehmung. Diese Regression ist die dritte Phase der Traumbildung. Wir
wiederholen hier zur Übersicht die früheren: Verstärkung der vbw Tagesreste durch das Ubw –
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin