Page - 814 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Herstellung des Traumwunsches.
Wir heißen eine solche Regression eine topische zum Unterschied von der vorhin erwähnten
zeitlichen oder entwicklungsgeschichtlichen. Die beiden müssen nicht immer zusammenfallen,
tun es aber gerade in dem uns vorliegenden Beispiele. Die Rückwendung des Ablaufes der
Erregung vom Vbw durch das Ubw zur Wahrnehmung ist gleichzeitig die Rückkehr zu der frühen
Stufe der halluzinatorischen Wunscherfüllung.
Es ist aus der Traumdeutung bekannt, in welcher Weise die Regression der vorbewußten
Tagesreste bei der Traumbildung vor sich geht. Gedanken werden dabei in – vorwiegend visuelle
– Bilder umgesetzt, also Wortvorstellungen auf die ihnen entsprechenden Sachvorstellungen
zurückgeführt, im ganzen so, als ob eine Rücksicht auf Darstellbarkeit den Prozeß beherrschen
würde. Nach vollzogener Regression erübrigt eine Reihe von Besetzungen im System Ubw,
Besetzungen von Sacherinnerungen, auf welche der psychische Primärvorgang einwirkt, bis er
durch deren Verdichtung und Verschiebung der Besetzungen zwischen ihnen den manifesten
Trauminhalt gestaltet hat. Nur wo die Wortvorstellungen in den Tagesresten frische, aktuelle
Reste von Wahrnehmungen sind, nicht Gedankenausdruck, werden sie wie Sachvorstellungen
behandelt und unterliegen an sich den Einflüssen der Verdichtung und Verschiebung. Daher die
in der Traumdeutung gegebene, seither zur Evidenz bestätigte Regel, daß Worte und Reden im
Trauminhalt nicht neugebildet, sondern Reden des Traumtages (oder sonstigen frischen
Eindrücken, auch aus Gelesenem) nachgebildet werden. Es ist sehr bemerkenswert, wie wenig
die Traumarbeit an den Wortvorstellungen festhält; sie ist jederzeit bereit, die Worte miteinander
zu vertauschen, bis sie jenen Ausdruck findet, welcher der plastischen Darstellung die günstigste
Handhabe bietet[25].
In diesem Punkte zeigt sich nun der entscheidende Unterschied zwischen der Traumarbeit und
der Schizophrenie. Bei letzterer werden die Worte selbst, in denen der vorbewußte Gedanke
ausgedrückt war, Gegenstand der Bearbeitung durch den Primärvorgang; im Traume sind es nicht
die Worte, sondern die Sachvorstellungen, auf welche die Worte zurückgeführt wurden. Der
Traum kennt eine topische Regression, die Schizophrenie nicht; beim Traume ist der Verkehr
zwischen (vbw) Wortbesetzungen und (ubw) Sachbesetzungen frei; für die Schizophrenie bleibt
charakteristisch, daß er abgesperrt ist. Der Eindruck dieser Verschiedenheit wird gerade durch die
Traumdeutungen, die wir in der psychoanalytischen Praxis vornehmen, abgeschwächt. Indem die
Traumdeutung den Verlauf der Traumarbeit aufspürt, die Wege verfolgt, die von den latenten
Gedanken zu den Traumelementen führen, die Ausbeutung der Wortzweideutigkeiten aufdeckt
und die Wortbrücken zwischen verschiedenen Materialkreisen nachweist, macht sie einen bald
witzigen, bald schizophrenen Eindruck und läßt uns daran vergessen, daß alle Operationen an
Worten für den Traum nur Vorbereitung zur Sachregression sind.
Die Vollendung des Traumvorganges liegt darin, daß der regressiv verwandelte, zu einer
Wunschphantasie umgearbeitete Gedankeninhalt als sinnliche Wahrnehmung bewußt wird, wobei
er die sekundäre Bearbeitung erfährt, welcher jeder Wahrnehmungsinhalt unterliegt. Wir sagen,
der Traumwunsch wird halluziniert und findet als Halluzination den Glauben an die Realität
seiner Erfüllung. Gerade an dieses abschließende Stück der Traumbildung knüpfen sich die
stärksten Unsicherheiten, zu deren Klärung wir den Traum in Vergleich mit ihm verwandten
pathologischen Zuständen bringen wollen.
Die Bildung der Wunschphantasie und deren Regression zur Halluzination sind die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin