Page - 820 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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geliebte Objekt nicht mehr besteht, und erläßt nun die Aufforderung, alle Libido aus ihren
Verknüpfungen mit diesem Objekt abzuziehen. Dagegen erhebt sich ein begreifliches Sträuben –
es ist allgemein zu beobachten, daß der Mensch eine Libidoposition nicht gern verläßt, selbst
dann nicht, wenn ihm Ersatz bereits winkt. Dies Sträuben kann so intensiv sein, daß eine
Abwendung von der Realität und ein Festhalten des Objekts durch eine halluzinatorische
Wunschpsychose (siehe die vorige Abhandlung) zustande kommt. Das Normale ist, daß der
Respekt vor der Realität den Sieg behält. Doch kann ihr Auftrag nicht sofort erfüllt werden. Er
wird nun im einzelnen unter großem Aufwand von Zeit und Besetzungsenergie durchgeführt und
unterdes die Existenz des verlorenen Objekts psychisch fortgesetzt. Jede einzelne der
Erinnerungen und Erwartungen, in denen die Libido an das Objekt geknüpft war, wird eingestellt,
überbesetzt und an ihr die Lösung der Libido vollzogen. Warum diese Kompromißleistung der
Einzeldurchführung des Realitätsgebotes so außerordentlich schmerzhaft ist, läßt sich in
ökonomischer Begründung gar nicht leicht angeben. Es ist merkwürdig, daß uns diese
Schmerzunlust selbstverständlich erscheint. Tatsächlich wird aber das Ich nach der Vollendung
der Trauerarbeit wieder frei und ungehemmt.
Wenden wir nun auf die Melancholie an, was wir von der Trauer erfahren haben. In einer Reihe
von Fällen ist es offenbar, daß auch sie Reaktion auf den Verlust eines geliebten Objekts sein
kann; bei anderen Veranlassungen kann man erkennen, daß der Verlust von mehr ideeller Natur
ist. Das Objekt ist nicht etwa real gestorben, aber es ist als Liebesobjekt verlorengegangen (z. B.
der Fall einer verlassenen Braut). In noch anderen Fällen glaubt man an der Annahme eines
solchen Verlustes festhalten zu sollen, aber man kann nicht deutlich erkennen, was verloren
wurde, und darf um so eher annehmen, daß auch der Kranke nicht bewußt erfassen kann, was er
verloren hat. Ja, dieser Fall könnte auch dann noch vorliegen, wenn der die Melancholie
veranlassende Verlust dem Kranken bekannt ist, indem er zwar weiß wen, aber nicht, was er an
ihm verloren hat. So würde uns nahegelegt, die Melancholie irgendwie auf einen dem
Bewußtsein entzogenen Objektverlust zu beziehen, zum Unterschied von der Trauer, bei welcher
nichts an dem Verluste unbewußt ist.
Bei der Trauer fanden wir Hemmung und Interesselosigkeit durch die das Ich absorbierende
Trauerarbeit restlos aufgeklärt. Eine ähnliche innere Arbeit wird auch der unbekannte Verlust bei
der Melancholie zur Folge haben und darum für die Hemmung der Melancholie verantwortlich
werden. Nur daß uns die melancholische Hemmung einen rätselhaften Eindruck macht, weil wir
nicht sehen können, was die Kranken so vollständig absorbiert. Der Melancholiker zeigt uns noch
eines, was bei der Trauer entfällt, eine außerordentliche Herabsetzung seines Ichgefühls, eine
großartige Ichverarmung. Bei der Trauer ist die Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie
ist es das Ich selbst. Der Kranke schildert uns sein Ich als nichtswürdig, leistungsunfähig und
moralisch verwerflich, er macht sich Vorwürfe, beschimpft sich und erwartet Ausstoßung und
Strafe. Er erniedrigt sich vor jedem anderen, bedauert jeden der Seinigen, daß er an seine so
unwürdige Person gebunden sei. Er hat nicht das Urteil einer Veränderung, die an ihm
vorgefallen ist, sondern streckt seine Selbstkritik über die Vergangenheit aus; er behauptet,
niemals besser gewesen zu sein. Das Bild dieses – vorwiegend moralischen – Kleinheitswahnes
vervollständigt sich durch Schlaflosigkeit, Ablehnung der Nahrung und eine psychologisch
höchst merkwürdige Überwindung des Triebes, der alles Lebende am Leben festzuhalten zwingt.
Es wäre wissenschaftlich wie therapeutisch gleich unfruchtbar, dem Kranken zu widersprechen,
der solche Anklagen gegen sein Ich vorbringt. Er muß wohl irgendwie recht haben und etwas
schildern, was sich so verhält, wie es ihm erscheint. Einige seiner Angaben müssen wir ja ohne
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin