Page - 822 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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geduldig an, so kann man sich endlich des Eindruckes nicht erwehren, daß die stärksten unter
ihnen zur eigenen Person oft sehr wenig passen, aber mit geringfügigen Modifikationen einer
anderen Person anzupassen sind, die der Kranke liebt, geliebt hat oder lieben sollte. Sooft man
den Sachverhalt untersucht, bestätigt er diese Vermutung. So hat man denn den Schlüssel des
Krankheitsbildes in der Hand, indem man die Selbstvorwürfe als Vorwürfe gegen ein
Liebesobjekt erkennt, die von diesem weg auf das eigene Ich gewälzt sind.
Die Frau, die laut ihren Mann bedauert, daß er an eine so untüchtige Frau gebunden ist, will
eigentlich die Untüchtigkeit des Mannes anklagen, in welchem Sinne diese auch gemeint sein
mag. Man braucht sich nicht so sehr zu verwundern, daß einige echte Selbstvorwürfe unter die
rückgewendeten eingestreut sind; sie dürfen sich vordrängen, weil sie dazu verhelfen, die anderen
zu verdecken und die Erkenntnis des Sachverhaltes unmöglich zu machen, sie stammen ja auch
aus dem Für und Wider des Liebesstreites, der zum Liebesverlust geführt hat. Auch das
Benehmen der Kranken wird jetzt um vieles verständlicher. Ihre Klagen sind Anklagen, gemäß
dem alten Sinne des Wortes; sie schämen und verbergen sich nicht, weil alles Herabsetzende, was
sie von sich aussagen, im Grunde von einem anderen gesagt wird; und sie sind weit davon
entfernt, gegen ihre Umgebung die Demut und Unterwürfigkeit zu bezeugen, die allein so
unwürdigen Personen geziemen würde, sie sind vielmehr im höchsten Grade quälerisch, immer
wie gekränkt und als ob ihnen ein großes Unrecht widerfahren wäre. Dies ist alles nur möglich,
weil die Reaktionen ihres Benehmens noch von der seelischen Konstellation der Auflehnung
ausgehen, welche dann durch einen gewissen Vorgang in die melancholische Zerknirschung
übergeführt worden ist.
Es hat dann keine Schwierigkeit, diesen Vorgang zu rekonstruieren. Es hatte eine Objektwahl,
eine Bindung der Libido an eine bestimmte Person bestanden; durch den Einfluß einer realen«
Kränkung oder Enttäuschung von Seiten der geliebten Person trat eine Erschütterung dieser
Objektbeziehung ein. Der Erfolg war nicht der normale einer Abziehung der Libido von diesem
Objekt und Verschiebung derselben auf ein neues, sondern ein anderer, der mehrere Bedingungen
für sein Zustandekommen zu erfordern scheint. Die Objektbesetzung erwies sich als wenig
resistent, sie wurde aufgehoben, aber die freie Libido nicht auf ein anderes Objekt verschoben,
sondern ins Ich zurückgezogen. Dort fand sie aber nicht eine beliebige Verwendung, sondern
diente dazu, eine Identifizierung des Ichs mit dem aufgegebenen Objekt herzustellen. Der
Schatten des Objekts fiel so auf das Ich, welches nun von einer besonderen Instanz wie ein
Objekt, wie das verlassene Objekt, beurteilt werden konnte. Auf diese Weise hatte sich der
Objektverlust in einen Ichverlust verwandelt, der Konflikt zwischen dem Ich und der geliebten
Person in einen Zwiespalt zwischen der Ichkritik und dem durch Identifizierung veränderten Ich.
Von den Voraussetzungen und Ergebnissen eines solchen Vorganges läßt sich einiges unmittelbar
erraten. Es muß einerseits eine starke Fixierung an das Liebesobjekt vorhanden sein, anderseits
aber im Widerspruch dazu eine geringe Resistenz der Objektbesetzung. Dieser Widerspruch
scheint nach einer treffenden Bemerkung von O. Rank zu fordern, daß die Objektwahl auf
narzißtischer Grundlage erfolgt sei, so daß die Objektbesetzung, wenn sich Schwierigkeiten
gegen sie erheben, auf den Narzißmus regredieren kann. Die narzißtische Identifizierung mit dem
Objekt wird dann zum Ersatz der Liebesbesetzung, was den Erfolg hat, daß die Liebesbeziehung
trotz des Konflikts mit der geliebten Person nicht aufgegeben werden muß. Ein solcher Ersatz der
Objektliebe durch Identifizierung ist ein für die narzißtischen Affektionen bedeutsamer
Mechanismus; K. Landauer hat ihn kürzlich in dem Heilungsvorgang einer Schizophrenie
aufdecken können (1914). Er entspricht natürlich der Regression von einem Typus der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin