Page - 830 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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I
In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich an, daß der Ablauf der seelischen
Vorgänge automatisch durch das Lustprinzip reguliert wird, das heißt, wir glauben, daß er
jedesmal durch eine unlustvolle Spannung angeregt wird und dann eine solche Richtung
einschlägt, daß sein Endergebnis mit einer Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer
Vermeidung von Unlust oder Erzeugung von Lust zusammenfällt. Wenn wir die von uns
studierten seelischen Prozesse mit Rücksicht auf diesen Ablauf betrachten, führen wir den
ökonomischen Gesichtspunkt in unsere Arbeit ein. Wir meinen, eine Darstellung, die neben dem
topischen und dem dynamischen Moment noch dies ökonomische zu würdigen versuche, sei die
vollständigste, die wir uns derzeit vorstellen können, und verdiene es, durch den Namen einer
metapsychologischen hervorgehoben zu werden.
Es hat dabei für uns kein Interesse zu untersuchen, inwieweit wir uns mit der Aufstellung des
Lustprinzips einem bestimmten, historisch festgelegten, philosophischen System angenähert oder
angeschlossen haben. Wir gelangen zu solchen spekulativen Annahmen bei dem Bemühen, von
den Tatsachen der täglichen Beobachtung auf unserem Gebiete Beschreibung und Rechenschaft
zu geben. Priorität und Originalität gehören nicht zu den Zielen, die der psychoanalytischen
Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke, welche der Aufstellung dieses Prinzips zugrunde liegen,
sind so augenfällig, daß es kaum möglich ist, sie zu übersehen. Dagegen würden wir uns gerne
zur Dankbarkeit gegen eine philosophische oder psychologische Theorie bekennen, die uns zu
sagen wüßte, was die Bedeutungen der für uns so imperativen Lust- und Unlustempfindungen
sind. Leider wird uns hier nichts Brauchbares geboten. Es ist das dunkelste und unzugänglichste
Gebiet des Seelenlebens, und wenn wir unmöglich vermeiden können, es zu berühren, so wird die
lockerste Annahme darüber, meine ich, die beste sein. Wir haben uns entschlossen, Lust und
Unlust mit der Quantität der im Seelenleben vorhandenen – und nicht irgendwie gebundenen –
Erregung in Beziehung zu bringen, solcherart, daß Unlust einer Steigerung, Lust einer
Verringerung dieser Quantität entspricht. Wir denken dabei nicht an ein einfaches Verhältnis
zwischen der Stärke der Empfindungen und den Veränderungen, auf die sie bezogen werden; am
wenigsten – nach allen Erfahrungen der Psychophysiologie – an direkte Proportionalität;
wahrscheinlich ist das Maß der Verringerung oder Vermehrung in der Zeit das für die
Empfindung entscheidende Moment. Das Experiment fände hier möglicherweise Zutritt, für uns
Analytiker ist weiteres Eingehen in diese Probleme nicht geraten, solange nicht ganz bestimmte
Beobachtungen uns leiten können.
Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn wir finden, daß ein so tiefblickender Forscher
wie G. Th. Fechner eine Auffassung von Lust und Unlust vertreten hat, welche im wesentlichen
mit der zusammenfällt, die uns von der psychoanalytischen Arbeit aufgedrängt wird. Die
Äußerung Fechners ist in seiner kleinen Schrift: Einige Ideen zur Schöpfungs- und
Entwicklungsgeschichte der Organismen, 1873 (Abschnitt XI, Zusatz, S. 94), enthalten und lautet
wie folgt: »Insofern bewußte Antriebe immer mit Lust oder Unlust in Beziehung stehen, kann
auch Lust oder Unlust mit Stabilitäts- und Instabilitätsverhältnissen in psychophysischer
Beziehung gedacht werden, und es läßt sich hierauf die anderwärts von mir näher zu
entwickelnde Hypothese begründen, daß jede die Schwelle des Bewußtseins übersteigende
psychophysische Bewegung nach Maßgabe mit Lust behaftet sei, als sie sich der vollen Stabilität
über eine gewisse Grenze hinaus nähert, mit Unlust nach Maßgabe, als sie über eine gewisse
Grenze davon abweicht, indes zwischen beiden, als qualitative Schwelle der Lust und Unlust zu
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin