Page - 831 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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bezeichnenden Grenzen eine gewisse Breite ästhetischer Indifferenz besteht …«
Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft des Lustprinzips im Seelenleben zu
glauben, finden auch ihren Ausdruck in der Annahme, daß es ein Bestreben des seelischen
Apparates sei, die in ihm vorhandene Quantität von Erregung möglichst niedrig oder wenigstens
konstant zu erhalten. Es ist dasselbe, nur in andere Fassung gebracht, denn wenn die Arbeit des
seelischen Apparates dahin geht, die Erregungsquantität niedrig zu halten, so muß alles, was
dieselbe zu steigern geeignet ist, als funktionswidrig, das heißt als unlustvoll empfunden werden.
Das Lustprinzip leitet sich aus dem Konstanzprinzip ab; in Wirklichkeit wurde das
Konstanzprinzip aus den Tatsachen erschlossen, die uns die Annahme des Lustprinzips
aufnötigten. Bei eingehenderer Diskussion werden wir auch finden, daß dies von uns
angenommene Bestreben des seelischen Apparates sich als spezieller Fall dem Fechnerschen
Prinzip der Tendenz zur Stabilität unterordnet, zu dem er die Lust-Unlustempfindungen in
Beziehung gebracht hat.
Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig, von einer Herrschaft des Lustprinzips
über den Ablauf der seelischen Prozesse zu reden. Wenn eine solche bestände, müßte die
übergroße Mehrheit unserer Seelenvorgänge von Lust begleitet sein oder zur Lust führen,
während doch die allgemeinste Erfahrung dieser Folgerung energisch widerspricht. Es kann also
nur so sein, daß eine starke Tendenz zum Lustprinzip in der Seele besteht, der sich aber gewisse
andere Kräfte oder Verhältnisse widersetzen, so daß der Endausgang nicht immer der
Lusttendenz entsprechen kann. Vergleiche die Bemerkung Fechners bei ähnlichem Anlasse
(1873, 90): »Damit aber, daß die Tendenz zum Ziele noch nicht die Erreichung des Zieles
bedeutet und das Ziel überhaupt nur in Approximationen erreichbar ist…« Wenn wir uns nun der
Frage zuwenden, welche Umstände die Durchsetzung des Lustprinzips zu vereiteln vermögen,
dann betreten wir wieder sicheren und bekannten Boden und können unsere analytischen
Erfahrungen in reichem Ausmaße zur Beantwortung heranziehen.
Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips ist uns als ein gesetzmäßiger vertraut.
Wir wissen, daß das Lustprinzip einer primären Arbeitsweise des seelischen Apparates eignet
und daß es für die Selbstbehauptung des Organismus unter den Schwierigkeiten der Außenwelt
so recht von Anfang an unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist. Unter dem Einflusse der
Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird es vom Realitätsprinzip abgelöst, welches, ohne die Absicht
endlicher Lustgewinnung aufzugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf
mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen
Umwege zur Lust fordert und durchsetzt. Das Lustprinzip bleibt dann noch lange Zeit die
Arbeitsweise der schwerer »erziehbaren« Sexualtriebe, und es kommt immer wieder vor, daß es,
sei es von diesen letzteren aus, sei es im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum Schaden des ganzen
Organismus überwältigt.
Es ist indes unzweifelhaft, daß die Ablösung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip nur für
einen geringen und nicht für den intensivsten Teil der Unlusterfahrungen verantwortlich gemacht
werden kann. Eine andere, nicht weniger gesetzmäßige Quelle der Unlustentbindung ergibt sich
aus den Konflikten und Spaltungen im seelischen Apparat, während das Ich seine Entwicklung zu
höher zusammengesetzten Organisationen durchmacht. Fast alle Energie, die den Apparat erfüllt,
stammt aus den mitgebrachten Triebregungen, aber diese werden nicht alle zu den gleichen
Entwicklungsphasen zugelassen. Unterwegs geschieht es immer wieder, daß einzelne Triebe oder
Triebanteile sich in ihren Zielen oder Ansprüchen als unverträglich mit den übrigen erweisen, die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin