Page - 833 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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II
Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahnzusammenstößen und anderen, mit
Lebensgefahr verbundenen Unfällen ist seit langem ein Zustand beschrieben worden, dem dann
der Name »traumatische Neurose« verblieben ist. Der schreckliche, eben jetzt abgelaufene Krieg
hat eine große Anzahl solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens der Versuchung ein
Ende gesetzt, sie auf organische Schädigung des Nervensystems durch Einwirkung mechanischer
Gewalt zurückzuführen[36]. Das Zustandsbild der traumatischen Neurose nähert sich der Hysterie
durch seinen Reichtum an ähnlichen motorischen Symptomen, übertrifft diese aber in der Regel
durch die stark ausgebildeten Anzeichen subjektiven Leidens, etwa wie bei einer Hypochondrie
oder Melancholie, und durch die Beweise einer weit umfassenderen allgemeinen Schwächung
und Zerrüttung der seelischen Leistungen. Ein volles Verständnis ist bisher weder für die
Kriegsneurosen noch für die traumatischen Neurosen des Friedens erzielt worden. Bei den
Kriegsneurosen wirkte es einerseits aufklärend, aber doch wiederum verwirrend, daß dasselbe
Krankheitsbild gelegentlich ohne Mithilfe einer groben mechanischen Gewalt zustande kam; an
der gemeinen traumatischen Neurose heben sich zwei Züge hervor, an welche die Überlegung
anknüpfen konnte, erstens, daß das Hauptgewicht der Verursachung auf das Moment der
Überraschung, auf den Schreck, zu fallen schien, und zweitens, daß eine gleichzeitig erlittene
Verletzung oder Wunde zumeist der Entstehung der Neurose entgegenwirkte. Schreck, Furcht,
Angst werden mit Unrecht wie synonyme Ausdrücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer
Beziehung zur Gefahr gut auseinanderhalten. Angst bezeichnet einen gewissen Zustand wie
Erwartung der Gefahr und Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine unbekannte sein; Furcht
verlangt ein bestimmtes Objekt, vor dem man sich fürchtet; Schreck aber benennt den Zustand, in
den man gerät, wenn man in Gefahr kommt, ohne auf sie vorbereitet zu sein, betont das Moment
der Überraschung. Ich glaube nicht, daß die Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann; an
der Angst ist etwas, was gegen den Schreck und also auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir
werden auf diesen Satz später zurückkommen.
Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten Weg zur Erforschung der seelischen
Tiefenvorgänge betrachten. Nun zeigt das Traumleben der traumatischen Neurose den Charakter,
daß es den Kranken immer wieder in die Situation seines Unfalles zurückführt, aus der er mit
neuem Schrecken erwacht. Darüber verwundert man sich viel zuwenig. Man meint, es sei eben
ein Beweis für die Stärke des Eindruckes, den das traumatische Erlebnis gemacht hat, daß es sich
dem Kranken sogar im Schlaf immer wieder aufdrängt. Der Kranke sei an das Trauma sozusagen
psychisch fixiert. Solche Fixierungen an das Erlebnis, welches die Erkrankung ausgelöst hat, sind
uns seit langem bei der Hysterie bekannt. Breuer und Freud äußerten 1893: Die Hysterischen
leiden großenteils an Reminiszenzen. Auch bei den Kriegsneurosen haben Beobachter wie
Ferenczi und Simmel manche motorische Symptome durch Fixierung an den Moment des
Traumas erklären können.
Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer Neurose Krankenden sich im Wachleben
viel mit der Erinnerung an ihren Unfall beschäftigen. Vielleicht bemühen sie sich eher, nicht an
ihn zu denken. Wenn man es als selbstverständlich hinnimmt, daß der nächtliche Traum sie
wieder in die krankmachende Situation versetzt, so verkennt man die Natur des Traumes. Dieser
würde es eher entsprechen, dem Kranken Bilder aus der Zeit der Gesundheit oder der erhofften
Genesung vorzuführen. Sollen wir durch die Träume der Unfallsneurotiker nicht an der
wunscherfüllenden Tendenz des Traumes irre werden, so bleibt uns etwa noch die Auskunft, bei
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin