Page - 834 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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diesem Zustand sei wie so vieles andere auch die Traumfunktion erschüttert und von ihren
Absichten abgelenkt worden, oder wir müßten der rätselhaften masochistischen Tendenzen des
Ichs gedenken.
Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere Thema der traumatischen Neurose zu
verlassen und die Arbeitsweise des seelischen Apparates an einer seiner frühzeitigsten normalen
Betätigungen zu studieren. Ich meine das Kinderspiel.
Die verschiedenen Theorien des Kinderspieles sind erst kürzlich von S. Pfeifer in der Imago
(V/4) zusammengestellt und analytisch gewürdigt worden; ich kann hier auf diese Arbeit
verweisen. Diese Theorien bemühen sich, die Motive des Spielens der Kinder zu erraten, ohne
daß dabei der ökonomische Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, in den Vordergrund
gerückt würde. Ich habe, ohne das Ganze dieser Erscheinungen umfassen zu wollen, eine
Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot, um das erste selbstgeschaffene Spiel eines Knaben im
Alter von 1½ Jahren aufzuklären. Es war mehr als eine flüchtige Beobachtung, denn ich lebte
durch einige Wochen mit dem Kinde und dessen Eltern unter einem Dach, und es dauerte
ziemlich lange, bis das rätselhafte und andauernd wiederholte Tun mir seinen Sinn verriet.
Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keineswegs voreilig, es sprach mit 1½ Jahren
erst wenige verständliche Worte und verfügte außerdem über mehrere bedeutungsvolle Laute, die
von der Umgebung verstanden wurden. Aber es war in gutem Rapport mit den Eltern und dem
einzigen Dienstmädchen und wurde wegen seines »anständigen« Charakters gelobt. Es störte die
Eltern nicht zur Nachtzeit, befolgte gewissenhaft die Verbote, manche Gegenstände zu berühren
und in gewisse Räume zu gehen, und vor allem anderen, es weinte nie, wenn die Mutter es für
Stunden verließ, obwohl es dieser Mutter zärtlich anhing, die das Kind nicht nur selbst genährt,
sondern auch ohne jede fremde Beihilfe gepflegt und betreut hatte. Dieses brave Kind zeigte nun
die gelegentlich störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, weit
weg von sich in eine Zimmerecke, unter ein Bett usw. zu schleudern, so daß das
Zusammensuchen seines Spielzeuges oft keine leichte Arbeit war. Dabei brachte es mit dem
Ausdruck von Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes o–o–o–o hervor, das nach
dem übereinstimmenden Urteil der Mutter und des Beobachters keine Interjektion war, sondern
»fort« bedeutete. Ich merkte endlich, daß das ein Spiel sei und daß das Kind alle seine
Spielsachen nur dazu benütze, mit ihnen »fortsein« zu spielen. Eines Tages machte ich dann die
Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. Das Kind hatte eine Holzspule, die mit einem
Bindfaden umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie zum Beispiel am Boden hinter sich
herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen, sondern es warf die am Faden gehaltene Spule mit
großem Geschick über den Rand seines verhängten Bettchens, so daß sie darin verschwand, sagte
dazu sein bedeutungsvolles o–o–o–o und zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett
heraus, begrüßte aber deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen »Da«. Das war also das
komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur den ersten Akt zu
sehen bekam, und dieser wurde für sich allein unermüdlich als Spiel wiederholt, obwohl die
größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt anhing[37].
Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusammenhang mit der großen kulturellen
Leistung des Kindes, mit dem von ihm zustande gebrachten Triebverzicht (Verzicht auf
Triebbefriedigung), das Fortgehen der Mutter ohne Sträuben zu gestatten. Es entschädigte sich
gleichsam dafür, indem es dasselbe Verschwinden und Wiederkommen mit den ihm erreichbaren
Gegenständen selbst in Szene setzte. Für die affektive Einschätzung dieses Spieles ist es natürlich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin