Page - 839 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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man auch im Leben nicht neurotischer Personen wiederfinden. Es macht bei diesen den Eindruck
eines sie verfolgenden Schicksals, eines dämonischen Zuges in ihrem Erleben, und die
Psychoanalyse hat vom Anfang an solches Schicksal für zum großen Teil selbstbereitet und durch
frühinfantile Einflüsse determiniert gehalten. Der Zwang, der sich dabei äußert, ist vom
Wiederholungszwang der Neurotiker nicht verschieden, wenngleich diese Personen niemals die
Zeichen eines durch Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts geboten haben. So kennt
man Personen, bei denen jede menschliche Beziehung den gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter,
die von jedem ihrer Schützlinge nach einiger Zeit im Groll verlassen werden, so verschieden
diese sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint, alle Bitterkeit des Undankes
auszukosten; Männer, bei denen jede Freundschaft den Ausgang nimmt, daß der Freund sie
verrät; andere, die es unbestimmt oft in ihrem Leben wiederholen, eine andere Person zur großen
Autorität für sich oder auch für die Öffentlichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach
abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen; Liebende, bei denen jedes
zärtliche Verhältnis zum Weibe dieselben Phasen durchmacht und zum gleichen Ende führt usw.
Wir verwundern uns über diese »ewige Wiederkehr des Gleichen« nur wenig, wenn es sich um
ein aktives Verhalten des Betreffenden handelt und wenn wir den sich gleichbleibenden
Charakterzug seines Wesens auffinden, der sich in der Wiederholung der nämlichen Erlebnisse
äußern muß. Weit stärker wirken jene Fälle auf uns, bei denen die Person etwas passiv zu erleben
scheint, worauf ihr ein Einfluß nicht zusteht, während sie doch immer nur die Wiederholung
desselben Schicksals erlebt. Man denke zum Beispiel an die Geschichte jener Frau, die dreimal
nacheinander Männer heiratete, die nach kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt
werden mußten[42]. Die ergreifendste poetische Darstellung eines solchen Schicksalszuges hat
Tasso im romantischen Epos Gerusalemme liberata gegeben. Held Tankred hat unwissentlich die
von ihm geliebte Clorinda getötet, als sie in der Rüstung eines feindlichen Ritters mit ihm
kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in den unheimlichen Zauberwald ein, der das Heer der
Kreuzfahrer schreckt. Dort zerhaut er einen hohen Baum mit seinem Schwerte, aber aus der
Wunde des Baumes strömt Blut, und die Stimme Clorindas, deren Seele in diesen Baum gebannt
war, klagt ihn an, daß er wiederum die Geliebte geschädigt habe.
Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in der Übertragung und aus dem Schicksal
der Menschen werden wir den Mut zur Annahme finden, daß es im Seelenleben wirklich einen
Wiederholungszwang gibt, der sich über das Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt
geneigt sein, die Träume der Unfallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel des Kindes auf diesen
Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir uns sagen, daß wir die Wirkungen des
Wiederholungszwanges nur in seltenen Fällen rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen
können. Beim Kinderspiel haben wir bereits hervorgehoben, welche andere Deutungen seine
Entstehung zuläßt. Wiederholungszwang und direkte lustvolle Triebbefriedigung scheinen sich
dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu verschränken. Die Phänomene der Übertragung stehen
offenkundig im Dienste des Widerstandes von Seiten des auf der Verdrängung beharrenden Ichs;
der Wiederholungszwang, den sich die Kur dienstbar machen wollte, wird gleichsam vom Ich,
das am Lustprinzip festhalten will, auf seine Seite gezogen. An dem, was man den
Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns vieles durch die rationelle Erwägung verständlich,
so daß man ein Bedürfnis nach der Aufstellung eines neuen geheimnisvollen Motivs nicht
verspürt. Am unverdächtigsten ist vielleicht der Fall der Unfallsträume, aber bei näherer
Überlegung muß man doch zugestehen, daß auch in den anderen Beispielen der Sachverhalt
durch die Leistung der uns bekannten Motive nicht gedeckt wird. Es bleibt genug übrig, was die
Annahme des Wiederholungszwanges rechtfertigt, und dieser erscheint uns ursprünglicher,
elementarer, triebhafter als das von ihm zur Seite geschobene Lustprinzip. Wenn es aber einen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin