Page - 841 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 841 -
Text of the Page - 841 -
IV
Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Spekulation, die ein jeder nach seiner
besonderen Einstellung würdigen oder vernachlässigen wird. Im weiteren ein Versuch zur
konsequenten Ausbeutung einer Idee, aus Neugierde, wohin dies führen wird.
Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der Untersuchung unbewußter Vorgänge
empfangenen Eindruck an, daß das Bewußtsein nicht der allgemeinste Charakter der seelischen
Vorgänge, sondern nur eine besondere Funktion derselben sein könne. In metapsychologischer
Ausdrucksweise behauptet sie, das Bewußtsein sei die Leistung eines besonderen Systems, das
sie Bw benennt. Da das Bewußtsein im wesentlichen Wahrnehmungen von Erregungen liefert,
die aus der Außenwelt kommen, und Empfindungen von Lust und Unlust, die nur aus dem Innern
des seelischen Apparates stammen können, kann dem System W-Bw eine räumliche Stellung
zugewiesen werden. Es muß an der Grenze von außen und innen liegen, der Außenwelt zugekehrt
sein und die anderen psychischen Systeme umhüllen. Wir bemerken dann, daß wir mit diesen
Annahmen nichts Neues gewagt, sondern uns der lokalisierenden Hirnanatomie angeschlossen
haben, welche den »Sitz« des Bewußtseins in die Hirnrinde, in die äußerste, umhüllende Schicht
des Zentralorgans verlegt. Die Hirnanatomie braucht sich keine Gedanken darüber zu machen,
warum – anatomisch gesprochen – das Bewußtsein gerade an der Oberfläche des Gehirns
untergebracht ist, anstatt wohlverwahrt irgendwo im innersten Innern desselben zu hausen.
Vielleicht bringen wir es in der Ableitung einer solchen Lage für unser System W-Bw weiter.
Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die wir den Vorgängen in diesem System
zuschreiben. Wir stützen uns auf die Eindrücke unserer psychoanalytischen Erfahrung, wenn wir
annehmen, daß alle Erregungsvorgänge in den anderen Systemen Dauerspuren als Grundlage des
Gedächtnisses in diesen hinterlassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem Bewußtwerden zu
tun haben. Sie sind oft am stärksten und haltbarsten, wenn der sie zurücklassende Vorgang
niemals zum Bewußtsein gekommen ist. Wir finden es aber beschwerlich zu glauben, daß solche
Dauerspuren der Erregung auch im System W-Bw zustande kommen. Sie würden die Eignung des
Systems zur Aufnahme neuer Erregungen sehr bald einschränken[43], wenn sie immer bewußt
blieben; im anderen Falle, wenn sie unbewußt würden, stellten sie uns vor die Aufgabe, die
Existenz unbewußter Vorgänge in einem System zu erklären, dessen Funktionieren sonst vom
Phänomen des Bewußtseins begleitet wird. Wir hätten sozusagen durch unsere Annahme, welche
das Bewußtwerden in ein besonderes System verweist, nichts verändert und nichts gewonnen.
Wenn dies auch keine absolut verbindliche Erwägung sein mag, so kann sie uns doch zur
Vermutung bewegen, daß Bewußtwerden und Hinterlassung einer Gedächtnisspur für dasselbe
System miteinander unverträglich sind. Wir würden so sagen können, im System Bw werde der
Erregungsvorgang bewußt, hinterlasse aber keine Dauerspur; alle die Spuren desselben, auf
welche sich die Erinnerung stützt, kämen bei der Fortpflanzung der Erregung auf die nächsten
inneren Systeme in diesen zustande. In diesem Sinne ist auch das Schema entworfen, welches ich
dem spekulativen Abschnitt meiner Traumdeutung 1900 eingefügt habe. Wenn man bedenkt, wie
wenig wir aus anderen Quellen über die Entstehung des Bewußtseins wissen, wird man dem
Satze, das Bewußtsein entstehe an Stelle der Erinnerungsspur, wenigstens die Bedeutung einer
irgendwie bestimmten Behauptung einräumen müssen.
Das System Bw wäre also durch die Besonderheit ausgezeichnet, daß der Erregungsvorgang in
ihm nicht wie in allen anderen psychischen Systemen eine dauernde Veränderung seiner
841
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin