Page - 845 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ausgiebigen Durchbruchs des Reizschutzes aufzufassen. Damit wäre die alte, naive Lehre vom
Schock in ihre Rechte eingesetzt, anscheinend im Gegensatz zu einer späteren und psychologisch
anspruchsvolleren, welche nicht der mechanischen Gewalteinwirkung, sondern dem Schreck und
der Lebensbedrohung die ätiologische Bedeutung zuspricht. Allein diese Gegensätze sind nicht
unversöhnlich, und die psychoanalytische Auffassung der traumatischen Neurose ist mit der
rohesten Form der Schocktheorie nicht identisch. Versetzt letztere das Wesen des Schocks in die
direkte Schädigung der molekularen Struktur oder selbst der histologischen Struktur der nervösen
Elemente, so suchen wir dessen Wirkung aus der Durchbrechung des Reizschutzes für das
Seelenorgan und aus den daraus sich ergebenden Aufgaben zu verstehen. Der Schreck behält
seine Bedeutung auch für uns. Seine Bedingung ist das Fehlen der Angstbereitschaft, welche die
Überbesetzung der den Reiz zunächst aufnehmenden Systeme miteinschließt. Infolge dieser
niedrigeren Besetzung sind die Systeme dann nicht gut imstande, die ankommenden
Erregungsmengen zu binden, die Folgen der Durchbrechung des Reizschutzes stellen sich um so
vieles leichter ein. Wir finden so, daß die Angstbereitschaft mit der Überbesetzung der
aufnehmenden Systeme die letzte Linie des Reizschutzes darstellt. Für eine ganze Anzahl von
Traumen mag der Unterschied zwischen den unvorbereiteten und den durch Überbesetzung
vorbereiteten Systemen das für den Ausgang entscheidende Moment sein; von einer gewissen
Stärke des Traumas an wird er wohl nicht mehr ins Gewicht fallen. Wenn die Träume der
Unfallsneurotiker die Kranken so regelmäßig in die Situation des Unfalles zurückführen, so
dienen sie damit allerdings nicht der Wunscherfüllung, deren halluzinatorische Herbeiführung
ihnen unter der Herrschaft des Lustprinzips zur Funktion geworden ist. Aber wir dürfen
annehmen, daß sie sich dadurch einer anderen Aufgabe zur Verfügung stellen, deren Lösung
vorangehen muß, ehe das Lustprinzip seine Herrschaft beginnen kann. Diese Träume suchen die
Reizbewältigung unter Angstentwicklung nachzuholen, deren Unterlassung die Ursache der
traumatischen Neurose geworden ist. Sie geben uns so einen Ausblick auf eine Funktion des
seelischen Apparats, welche, ohne dem Lustprinzip zu widersprechen, doch unabhängig von ihm
ist und ursprünglicher scheint als die Absicht des Lustgewinns und der Unlustvermeidung.
Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnahme von dem Satze, der Traum ist eine
Wunscherfüllung, zuzugestehen. Die Angstträume sind keine solche Ausnahme, wie ich
wiederholt und eingehend gezeigt habe, auch die »Strafträume« nicht, denn diese setzen nur an
die Stelle der verpönten Wunscherfüllung die dafür gebührende Strafe, sind also die
Wunscherfüllung des auf den verworfenen Trieb reagierenden Schuldbewußtseins. Aber die
obenerwähnten Träume der Unfallsneurotiker lassen sich nicht mehr unter den Gesichtspunkt der
Wunscherfüllung bringen, und ebensowenig die in den Psychoanalysen vorfallenden Träume, die
uns die Erinnerung der psychischen Traumen der Kindheit wiederbringen. Sie gehorchen
vielmehr dem Wiederholungszwang, der in der Analyse allerdings durch den von der
»Suggestion« geförderten Wunsch, das Vergessene und Verdrängte heraufzubeschwören,
unterstützt wird. So wäre also auch die Funktion des Traumes, Motive zur Unterbrechung des
Schlafes durch Wunscherfüllung der störenden Regungen zu beseitigen, nicht seine
ursprüngliche; er konnte sich ihrer erst bemächtigen, nachdem das gesamte Seelenleben die
Herrschaft des Lustprinzips angenommen hatte. Gibt es ein »Jenseits des Lustprinzips«, so ist es
folgerichtig, auch für die wunscherfüllende Tendenz des Traumes eine Vorzeit zuzulassen. Damit
wird seiner späteren Funktion nicht widersprochen. Nur erhebt sich, wenn diese Tendenz einmal
durchbrochen ist, die weitere Frage: Sind solche Träume, welche im Interesse der psychischen
Bindung traumatischer Eindrücke dem Wiederholungszwange folgen, nicht auch außerhalb der
Analyse möglich? Dies ist durchaus zu bejahen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin