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Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende Rindenschicht gegen Erregungen von
innen her wird die Folge haben müssen, daß diese Reizübertragungen die größere ökonomische
Bedeutung gewinnen und häufig zu ökonomischen Störungen Anlaß geben, die den
traumatischen Neurosen gleichzustellen sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung
sind die sogenannten Triebe des Organismus, die Repräsentanten aller aus dem Körperinnern
stammenden, auf den seelischen Apparat übertragenen Kraftwirkungen, selbst das wichtigste wie
das dunkelste Element der psychologischen Forschung.
Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß die von den Trieben ausgehenden
Regungen nicht den Typus des gebundenen, sondern den des frei beweglichen, nach Abfuhr
drängenden Nervenvorganges einhalten. Das Beste, was wir über diese Vorgänge wissen, rührt
aus dem Studium der Traumarbeit her. Dabei fanden wir, daß die Prozesse in den unbewußten
Systemen von denen in den (vor-)bewußten gründlich verschieden sind, daß im Unbewußten
Besetzungen leicht vollständig übertragen, verschoben, verdichtet werden können, was nur
fehlerhafte Resultate ergeben könnte, wenn es an vorbewußtem Material geschähe, und was
darum auch die bekannten Sonderbarkeiten des manifesten Traums ergibt, nachdem die
vorbewußten Tagesreste die Bearbeitung nach den Gesetzen des Unbewußten erfahren haben. Ich
nannte die Art dieser Prozesse im Unbewußten den psychischen »Primärvorgang« zum
Unterschied von dem für unser normales Wachleben gültigen Sekundärvorgang. Da die
Triebregungen alle an den unbewußten Systemen angreifen, ist es kaum eine Neuerung zu sagen,
daß sie dem Primärvorgang folgen, und anderseits gehört wenig dazu, um den psychischen
Primärvorgang mit der frei beweglichen Besetzung, den Sekundärvorgang mit den
Veränderungen an der gebundenen oder tonischen Besetzung Breuers zu identifizieren[47]. Es
wäre dann die Aufgabe der höheren Schichten des seelischen Apparates, die im Primärvorgang
anlangende Erregung der Triebe zu binden. Das Mißglücken dieser Bindung würde eine der
traumatischen Neurose analoge Störung hervorrufen; erst nach erfolgter Bindung könnte sich die
Herrschaft des Lustprinzips (und seiner Modifikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt
durchsetzen. Bis dahin aber würde die andere Aufgabe des Seelenapparates, die Erregung zu
bewältigen oder zu binden, voranstehen, zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip, aber
unabhängig von ihm und zum Teil ohne Rücksicht auf dieses.
Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die wir an den frühen Tätigkeiten des kindlichen
Seelenlebens wie an den Erlebnissen der psychoanalytischen Kur beschrieben haben, zeigen im
hohen Grade den triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz zum Lustprinzip befinden, den
dämonischen Charakter. Beim Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß das Kind auch das
unlustvolle Erlebnis darum wiederholt, weil es sich durch seine Aktivität eine weit gründlichere
Bewältigung des starken Eindruckes erwirbt, als beim bloß passiven Erleben möglich war. Jede
neuerliche Wiederholung scheint diese angestrebte Beherrschung zu verbessern, und auch bei
lustvollen Erlebnissen kann sich das Kind an Wiederholungen nicht genug tun und wird
unerbittlich auf der Identität des Eindruckes bestehen. Dieser Charakterzug ist dazu bestimmt,
späterhin zu verschwinden. Ein zum zweitenmal angehörter Witz wird fast wirkungslos bleiben,
eine Theateraufführung wird nie mehr zum zweitenmal den Eindruck erreichen, den sie das
erstemal hinterließ; ja, der Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein Buch, das ihm sehr
gefallen hat, sobald nochmals durchzulesen. Immer wird die Neuheit die Bedingung des
Genusses sein. Das Kind aber wird nicht müde werden, vom Erwachsenen die Wiederholung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin