Page - 849 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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darf gewiß nicht unberücksichtigt bleiben; er soll auch späterhin in unsere Erwägungen
einbezogen werden. Aber vorher mag es uns verlocken, die Annahme, daß alle Triebe Früheres
wiederherstellen wollen, in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was dabei
herauskommt, den Anschein des »Tiefsinnigen« erwecken oder an Mystisches anklingen, so
wissen wir uns doch von dem Vorwurf frei, etwas Derartiges angestrebt zu haben. Wir suchen
nüchterne Resultate der Forschung oder der auf sie gegründeten Überlegung, und unser Wunsch
möchte diesen keinen anderen Charakter als den der Sicherheit verleihen[49].
Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch erworben und auf Regression,
Wiederherstellung von Früherem, gerichtet sind, so müssen wir die Erfolge der organischen
Entwicklung auf die Rechnung äußerer, störender und ablenkender Einflüsse setzen. Das
elementare Lebewesen würde sich von seinem Anfang an nicht haben ändern wollen, hätte unter
sich gleichbleibenden Verhältnissen stets nur den nämlichen Lebenslauf wiederholt. Aber im
letzten Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte unserer Erde und ihres Verhältnisses zur
Sonne sein, die uns in der Entwicklung der Organismen ihren Abdruck hinterlassen hat. Die
konservativen organischen Triebe haben jede dieser aufgezwungenen Abänderungen des
Lebenslaufes aufgenommen und zur Wiederholung aufbewahrt und müssen so den täuschenden
Eindruck von Kräften machen, die nach Veränderung und Fortschritt streben, während sie bloß
ein altes Ziel auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch dieses Endziel alles
organischen Strebens ließe sich angeben. Der konservativen Natur der Triebe widerspräche es,
wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter Zustand wäre. Es muß vielmehr ein alter,
ein Ausgangszustand sein, den das Lebende einmal verlassen hat und zu dem es über alle
Umwege der Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung annehmen
dürfen, daß alles Lebende aus inneren Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können
wir nur sagen: Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: Das Leblose war früher da
als das Lebende.
Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz unvorstellbare
Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt. Vielleicht war es ein Vorgang,
vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in einer gewissen Schicht der lebenden Materie später das
Bewußtsein entstehen ließ. Die damals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff
trachtete danach, sich abzugleichen; es war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen
zurückzukehren. Die damals lebende Substanz hatte das Sterben noch leicht, es war
wahrscheinlich nur ein kurzer Lebensweg zu durchlaufen, dessen Richtung durch die chemische
Struktur des jungen Lebens bestimmt war. Eine lange Zeit hindurch mag so die lebende Substanz
immer wieder neu geschaffen worden und leicht gestorben sein, bis sich maßgebende äußere
Einflüsse so änderten, daß sie die noch überlebende Substanz zu immer größeren Ablenkungen
vom ursprünglichen Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen bis zur Erreichung des
Todeszieles nötigten. Diese Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben getreulich
festgehalten, böten uns heute das Bild der Lebenserscheinungen. Wenn man an der ausschließlich
konservativen Natur der Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft und
Ziel des Lebens nicht gelangen.
Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, was sich für die großen Gruppen von
Trieben ergibt, die wir hinter den Lebenserscheinungen der Organismen statuieren. Die
Aufstellung der Selbsterhaltungstriebe, die wir jedem lebenden Wesen zugestehen, steht in
merkwürdigem Gegensatz zur Voraussetzung, daß das gesamte Triebleben der Herbeiführung des
Todes dient. Die theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs-, Macht- und Geltungstriebe
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin