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sexuell zu bezeichnenden Triebe von allem Anfang an in Tätigkeit getreten sind und ihre
Gegenarbeit gegen das Spiel der »Ichtriebe« nicht erst zu einem späteren Zeitpunkte
aufgenommen haben[51].
Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um zu fragen, ob nicht alle diese Spekulationen der
Begründung entbehren. Gibt es wirklich, abgesehen von den Sexualtrieben, keine anderen Triebe
als solche, die einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, nicht auch andere, die nach einem
noch nie erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt kein sicheres Beispiel, das unserer
vorgeschlagenen Charakteristik widerspräche. Ein allgemeiner Trieb zur Höherentwicklung in
der Tier- und Pflanzenwelt läßt sich gewiß nicht feststellen, wenn auch eine solche
Entwicklungsrichtung tatsächlich unbestritten bleibt. Aber einerseits ist es vielfach nur Sache
unserer Einschätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für höher als eine andere erklären, und
anderseits zeigt uns die Wissenschaft des Lebenden, daß Höherentwicklung in einem Punkte sehr
häufig durch Rückbildung in einem anderen erkauft oder wettgemacht wird. Auch gibt es
Tierformen genug, deren Jugendzustände uns erkennen lassen, daß ihre Entwicklung vielmehr
einen rückschreitenden Charakter genommen hat. Höherentwicklung wie Rückbildung könnten
beide Folgen der zur Anpassung drängenden äußeren Kräfte sein, und die Rolle der Triebe könnte
sich für beide Fälle darauf beschränken, die aufgezwungene Veränderung als innere Lustquelle
festzuhalten[52].
Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu verzichten, daß im Menschen
selbst ein Trieb zur Vervollkommnung wohnt, der ihn auf seine gegenwärtige Höhe geistiger
Leistung und ethischer Sublimierung gebracht hat und von dem man erwarten darf, daß er seine
Entwicklung zum Übermenschen besorgen wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren
Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die bisherige Entwicklung
des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen als die der Tiere, und was man
an einer Minderzahl von menschlichen Individuen als rastlosen Drang zu weiterer
Vervollkommnung beobachtet, läßt sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen,
auf welche das Wertvollste an der menschlichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt
es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären
Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind
ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der
gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei
keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten
»ungebändigt immer vorwärts dringt« (Mephisto im Faust, I, Studierzimmer). Der Weg nach
rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die Widerstände, welche die
Verdrängungen aufrechthalten, verlegt, und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen,
noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß
abschließen und das Ziel erreichen zu können. Die Vorgänge bei der Ausbildung einer
neurotischen Phobie, die ja nichts anderes als ein Fluchtversuch vor einer Triebbefriedigung ist,
geben uns das Vorbild für die Entstehung dieses anscheinenden »Vervollkommnungstriebes«,
den wir aber unmöglich allen menschlichen Individuen zuschreiben können. Die dynamischen
Bedingungen dafür sind zwar ganz allgemein vorhanden, aber die ökonomischen Verhältnisse
scheinen das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen.
Nur mit einem Wort sei aber auf die Wahrscheinlichkeit hingewiesen, daß das Bestreben des
Eros, das Organische zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen, einen Ersatz für den nicht
anzuerkennenden »Vervollkommnungstrieb« leistet. Im Verein mit den Wirkungen der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin