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VI
Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegensatz zwischen den »Ichtrieben« und den
Sexualtrieben aufstellt, die ersteren zum Tode und die letzteren zur Lebensfortsetzung drängen
läßt, wird uns gewiß nach vielen Richtungen selbst nicht befriedigen. Dazu kommt, daß wir
eigentlich nur für die ersteren den konservativen oder besser regredierenden, einem
Wiederholungszwang entsprechenden Charakter des Triebes in Anspruch nehmen konnten. Denn
nach unserer Annahme rühren die Ichtriebe von der Belebung der unbelebten Materie her und
wollen die Unbelebtheit wiederherstellen. Die Sexualtriebe hingegen – es ist augenfällig, daß sie
primitive Zustände des Lebewesens reproduzieren, aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes Ziel ist
die Verschmelzung zweier in bestimmter Weise differenzierter Keimzellen. Wenn diese
Vereinigung nicht zustande kommt, dann stirbt die Keimzelle wie alle anderen Elemente des
vielzelligen Organismus. Nur unter dieser Bedingung kann die Geschlechtsfunktion das Leben
verlängern und ihm den Schein der Unsterblichkeit verleihen. Welches wichtige Ereignis im
Entwicklungsgang der lebenden Substanz wird aber durch die geschlechtliche Fortpflanzung oder
ihren Vorläufer, die Kopulation zweier Individuen unter den Protisten, wiederholt? Das wissen
wir nicht zu sagen, und darum würden wir es als Erleichterung empfinden, wenn unser ganzer
Gedankenaufbau sich als irrtümlich erkennen ließe. Der Gegensatz von Ich(Todes-)trieben und
Sexual(Lebens-)trieben würde dann entfallen, damit auch der Wiederholungszwang die ihm
zugeschriebene Bedeutung einbüßen.
Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen Annahme zurück, in der Erwartung, sie
werde sich exakt widerlegen lassen. Wir haben auf Grund der Voraussetzung weitere Schlüsse
aufgebaut, daß alles Lebende aus inneren Ursachen sterben müsse. Wir haben diese Annahme so
sorglos gemacht, weil sie uns nicht als solche erscheint. Wir sind gewohnt, so zu denken, unsere
Dichter bestärken uns darin. Vielleicht haben wir uns dazu entschlossen, weil ein Trost in diesem
Glauben liegt. Wenn man schon selbst sterben und vorher seine Liebsten durch den Tod verlieren
soll, so will man lieber einem unerbittlichen Naturgesetz, der hehren ’Ανάγκη, erlegen sein, als
einem Zufall, der sich etwa noch hätte vermeiden lassen. Aber vielleicht ist dieser Glaube an die
innere Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine der Illusionen, die wir uns geschaffen haben,
»um die Schwere des Daseins zu ertragen«. Ursprünglich ist er sicherlich nicht, den primitiven
Völkern ist die Idee eines »natürlichen Todes« fremd; sie führen jedes Sterben unter ihnen auf
den Einfluß eines Feindes oder eines bösen Geistes zurück. Versäumen wir es darum nicht, uns
zur Prüfung dieses Glaubens an die biologische Wissenschaft zu wenden.
Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig die Biologen in der Frage des natürlichen
Todes einig sind, ja, daß ihnen der Begriff des Todes überhaupt unter den Händen zerrinnt. Die
Tatsache einer bestimmten durchschnittlichen Lebensdauer wenigstens bei höheren Tieren spricht
natürlich für den Tod aus inneren Ursachen, aber der Umstand, daß einzelne große Tiere und
riesenhafte Baumgewächse ein sehr hohes und bisher nicht abschätzbares Alter erreichen, hebt
diesen Eindruck wieder auf. Nach der großartigen Konzeption von W. Fließ sind alle
Lebenserscheinungen – und gewiß auch der Tod – der Organismen an die Erfüllung bestimmter
Termine gebunden, in denen die Abhängigkeit zweier lebenden Substanzen, einer männlichen
und einer weiblichen, vom Sonnenjahr zum Ausdruck kommt. Allein die Beobachtungen, wie
leicht und bis zu welchem Ausmaß es dem Einflusse äußerer Kräfte möglich ist, die
Lebensäußerungen insbesondere der Pflanzenwelt in ihrem zeitlichen Auftreten zu verändern, sie
zu verfrühen oder hintanzuhalten, sträuben sich gegen die Starrheit der Fließschen Formeln und
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin