Page - 858 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ist jetzt nur anders, nämlich topisch zu bestimmen. Insbesondere die Übertragungsneurose, das
eigentliche Studienobjekt der Psychoanalyse, bleibt das Ergebnis eines Konflikts zwischen dem
Ich und der libidinösen Objektbesetzung.
Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der Selbsterhaltungstriebe jetzt betonen, da
wir den weiteren Schritt wagen, den Sexualtrieb als den alles erhaltenden Eros zu erkennen, und
die narzißtische Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten, mit denen die Somazellen
aneinanderhaften. Nun aber finden wir uns plötzlich folgender Frage gegenüber: Wenn auch die
Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur sind, dann haben wir vielleicht überhaupt keine anderen
Triebe als libidinöse. Es sind wenigstens keine anderen zu sehen. Dann muß man aber doch den
Kritikern recht geben, die von Anfang an geahnt haben, die Psychoanalyse erkläre alles aus der
Sexualität, oder den Neuerern wie Jung, die, kurz entschlossen, Libido für »Triebkraft«
überhaupt gebraucht haben. Ist dem nicht so?
In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings nicht. Wir sind ja vielmehr von einer scharfen
Scheidung zwischen Ichtrieben = Todestrieben und Sexualtrieben = Lebenstrieben ausgegangen.
Wir waren ja bereit, auch die angeblichen Selbsterhaltungstriebe des Ichs zu den Todestrieben zu
rechnen, was wir seither berichtigend zurückgezogen haben. Unsere Auffassung war von Anfang
eine dualistische, und sie ist es heute schärfer denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze nicht mehr
Ich- und Sexualtriebe, sondern Lebens- und Todestriebe benennen. Jungs Libidotheorie ist
dagegen eine monistische; daß er seine einzige Triebkraft Libido geheißen hat, mußte Verwirrung
stiften, soll uns aber weiter nicht beeinflussen. Wir vermuten, daß im Ich noch andere als die
libidinösen Selbsterhaltungstriebe tätig sind; wir sollten nur imstande sein, sie aufzuzeigen. Es ist
zu bedauern, daß die Analyse des Ichs so wenig fortgeschritten ist, daß dieser Nachweis uns recht
schwer wird. Die libidinösen Triebe des Ichs mögen allerdings in besonderer Weise mit den
anderen, uns noch fremden Ichtrieben verknüpft sein. Noch ehe wir den Narzißmus klar erkannt
hatten, bestand bereits in der Psychoanalyse die Vermutung, daß die »Ichtriebe« libidinöse
Komponenten an sich gezogen haben. Aber das sind recht unsichere Möglichkeiten, denen die
Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es bleibt mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur
in den Stand gesetzt hat, libidinöse Triebe nachzuweisen. Den Schluß, daß es andere nicht gibt,
möchten wir darum doch nicht mitmachen.
Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir wohl nicht gut, irgendeinen Einfall, der
uns Aufklärung verspricht, zurückzuweisen. Wir sind von der großen Gegensätzlichkeit von
Lebens- und Todestrieben ausgegangen. Die Objektliebe selbst zeigt uns eine zweite solche
Polarität, die von Liebe (Zärtlichkeit) und Haß (Aggression). Wenn es uns gelänge, diese beiden
Polaritäten in Beziehung zueinander zu bringen, die eine auf die andere zurückzuführen! Wir
haben von jeher eine sadistische Komponente des Sexualtriebes anerkannt[63]; sie kann sich, wie
wir wissen, selbständig machen und als Perversion das gesamte Sexualstreben der Person
beherrschen. Sie tritt auch in einer der von mir so genannten »prägenitalen Organisationen« als
dominierender Partialtrieb hervor. Wie soll man aber den sadistischen Trieb, der auf die
Schädigung des Objekts zielt, vom lebenserhaltenden Eros ableiten können? Liegt da nicht die
Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der
narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein
kommt? Er tritt dann in den Dienst der Sexualfunktion; im oralen Organisationsstadium der
Libido fällt die Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des Objekts zusammen, später
trennt sich der sadistische Trieb ab, und endlich übernimmt er auf der Stufe des Genitalprimats
zum Zwecke der Fortpflanzung die Funktion, das Sexualobjekt so weit zu bewältigen, als es die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin