Page - 859 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ausführung des Geschlechtsaktes erfordert. Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich
herausgedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt;
späterhin drängen diese zum Objekt nach. Wo der ursprüngliche Sadismus keine Ermäßigung und
Verschmelzung erfährt, ist die bekannte Liebe-Haß-Ambivalenz des Liebeslebens hergestellt.
Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so wäre die Forderung erfüllt, ein Beispiel
eines – allerdings verschobenen – Todestriebes aufzuzeigen. Nur daß diese Auffassung von jeder
Anschaulichkeit weit entfernt ist und einen geradezu mystischen Eindruck macht. Wir kommen
in den Verdacht, um jeden Preis eine Auskunft aus einer großen Verlegenheit gesucht zu haben.
Dann dürfen wir uns darauf berufen, daß eine solche Annahme nicht neu ist, daß wir sie bereits
früher einmal gemacht haben, als von einer Verlegenheit noch keine Rede war. Klinische
Beobachtungen haben uns seinerzeit zur Auffassung genötigt, daß der dem Sadismus
komplementäre Partialtrieb des Masochismus als eine Rückwendung des Sadismus gegen das
eigene Ich zu verstehen sei[64]. Eine Wendung des Triebes vom Objekt zum Ich ist aber
prinzipiell nichts anderes als die Wendung vom Ich zum Objekt, die hier als neu in Frage steht.
Der Masochismus, die Wendung des Triebes gegen das eigene Ich, wäre dann in Wirklichkeit
eine Rückkehr zu einer früheren Phase desselben, eine Regression. In einem Punkte bedürfte die
damals vom Masochismus gegebene Darstellung einer Berichtigung als allzu ausschließlich; der
Masochismus könnte auch, was ich dort bestreiten wollte, ein primärer sein[65].
Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben zurück. Schon aus der
Protistenforschung haben wir erfahren, daß die Verschmelzung zweier Individuen ohne
nachfolgende Teilung, die Kopulation, auf beide Individuen, die sich dann bald voneinander
lösen, stärkend und verjüngend wirkt. (S. oben, Lipschütz.) Sie zeigen in weiteren Generationen
keine Degenerationserscheinungen und scheinen befähigt, den Schädlichkeiten ihres eigenen
Stoffwechsels länger zu widerstehen. Ich meine, daß diese eine Beobachtung als vorbildlich für
den Effekt auch der geschlechtlichen Vereinigung genommen werden darf. Aber auf welche
Weise bringt die Verschmelzung zweier wenig verschiedener Zellen eine solche Erneuerung des
Lebens zustande? Der Versuch, der die Kopulation bei den Protozoen durch die Einwirkung
chemischer, ja selbst mechanischer Reize[66] ersetzt, gestattet wohl eine sichere Antwort zu
geben: Es geschieht durch die Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stimmt nun aber gut zur Annahme,
daß der Lebensprozeß des Individuums aus inneren Gründen zur Abgleichung chemischer
Spannungen, das heißt zum Tode führt, während die Vereinigung mit einer individuell
verschiedenen lebenden Substanz diese Spannungen vergrößert, sozusagen neue Vitaldifferenzen
einführt, die dann abgelebt werden müssen. Für diese Verschiedenheit muß es natürlich ein oder
mehrere Optima geben. Daß wir als die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des
Nervenlebens überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Aufhebung der
inneren Reizspannung erkannten (das Nirwanaprinzip nach einem Ausdruck von Barbara Low),
wie es im Lustprinzip zum Ausdruck kommt, das ist ja eines unserer stärksten Motive, an die
Existenz von Todestrieben zu glauben.
Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges verspüren wir es aber noch immer, daß wir
gerade für den Sexualtrieb jenen Charakter eines Wiederholungszwanges nicht nachweisen
können, der uns zuerst zur Aufspürung der Todestriebe führte. Das Gebiet der embryonalen
Entwicklungsvorgänge ist zwar überreich an solchen Wiederholungserscheinungen, die beiden
Keimzellen der geschlechtlichen Fortpflanzung und ihre Lebensgeschichte sind selbst nur
Wiederholungen der Anfange des organischen Lebens; aber das Wesentliche an den vom
Sexualtrieb intendierten Vorgängen ist doch die Verschmelzung zweier Zelleiber. Erst durch
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin