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diese wird bei den höheren Lebewesen die Unsterblichkeit der lebenden Substanz gesichert.
Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen über die Entstehung der geschlechtlichen
Fortpflanzung und die Herkunft der Sexualtriebe überhaupt, eine Aufgabe, vor der ein
Außenstehender zurückschrecken muß und die von den Spezialforschern selbst bisher noch nicht
gelöst werden konnte. In knappster Zusammendrängung sei darum aus all den widerstreitenden
Angaben und Meinungen hervorgehoben, was einen Anschluß an unseren Gedankengang zuläßt.
Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fortpflanzung seinen geheimnisvollen Reiz,
indem sie die Fortpflanzung als eine Teilerscheinung des Wachstums darstellt (Vermehrung
durch Teilung, Sprossung, Knospung). Die Entstehung der Fortpflanzung durch geschlechtlich
differenzierte Keimzellen könnte man sich nach nüchterner Darwinscher Denkungsart so
vorstellen, daß der Vorteil der Amphimixis, der sich dereinst bei der zufälligen Kopulation
zweier Protisten ergab, in der ferneren Entwicklung festgehalten und weiter ausgenützt wurde[67].
Das »Geschlecht« wäre also nicht sehr alt, und die außerordentlich heftigen Triebe, welche die
geschlechtliche Vereinigung herbeiführen wollen, wiederholten dabei etwas, was sich zufällig
einmal ereignet und seither als vorteilhaft befestigt hat.
Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man bei den Protisten nichts anderes gelten
lassen soll, als was sie zeigen, und ob man annehmen darf, daß Kräfte und Vorgänge, die erst bei
höheren Lebewesen sichtbar werden, auch bei diesen zuerst entstanden sind. Für unsere
Absichten leistet die erwähnte Auffassung der Sexualität sehr wenig. Man wird gegen sie
einwenden dürfen, daß sie die Existenz von Lebenstrieben, die schon im einfachsten Lebewesen
wirken, voraussetzt, denn sonst wäre ja die Kopulation, die dem Lebenslauf entgegenwirkt und
die Aufgabe des Ablebens erschwert, nicht festgehalten und ausgearbeitet, sondern vermieden
worden. Wenn man also die Annahme von Todestrieben nicht fahrenlassen will, muß man ihnen
von allem Anfang an Lebenstriebe zugesellen. Aber man muß es zugestehen, wir arbeiten da an
einer Gleichung mit zwei Unbekannten. Was wir sonst in der Wissenschaft über die Entstehung
der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, daß man dies Problem einem Dunkel vergleichen
kann, in welches auch nicht der Lichtstrahl einer Hypothese gedrungen ist. An ganz anderer
Stelle begegnen wir allerdings einer solchen Hypothese, die aber von so phantastischer Art ist –
gewiß eher ein Mythus als eine wissenschaftliche Erklärung –, daß ich nicht wagen würde, sie
hier anzuführen, wenn sie nicht gerade die eine Bedingung erfüllen würde, nach deren Erfüllung
wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb ab von dem Bedürfnis nach Wiederherstellung eines
früheren Zustandes.
Ich meine natürlich die Theorie, die Plato im Symposion durch Aristophanes entwickeln läßt und
die nicht nur die Herkunft des Geschlechtstriebes, sondern auch seiner wichtigsten Variation in
bezug auf das Objekt behandelt[68].
»Unser Leib war nämlich zuerst gar nicht ebenso gebildet wie jetzt; er war ganz anders. Erstens
gab es drei Geschlechter, nicht bloß wie jetzt männlich und weiblich, sondern noch ein drittes,
das die beiden vereinigte … das Mannweibliche …« Alles an diesen Menschen war aber doppelt,
sie hatten also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter, doppelte Schamteile usw. Da ließ sich
Zeus bewegen, jeden Menschen in zwei Teile zu teilen, »wie man die Quitten zum Einmachen
durchschneidet … Weil nun das ganze Wesen entzweigeschnitten war, trieb die Sehnsucht die
beiden Hälften zusammen: sie umschlangen sich mit den Händen, verflochten sich ineinander im
Verlangen, zusammenzuwachsen …«[69]
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin